Samstag, 5. März 2016

Alles eine Frage der Sichtweise: die Erzählperspektive




Eigentlich ist es völlig logisch: Wenn man eine Geschichte erzählt, schreibt man sie aus einem bestimmten Blickwinkel. Doch aus welchem? Wer ist eigentlich der Akteur – und wie viele?
Um als Autorin oder Autor diese Frage beantworten zu können, muss man sich über die Sichtweise klar werden, die Erzählperspektive. Denn nicht immer (eigentlich nur in den wenigsten Fällen, zum Beispiel bei einer Autobiografie oder einem autobiografischen Roman) ist die Autorin oder der Autor identisch mit dem Erzähler.
 

Auktorial, Ich-Erzählung, personal?

Um eine Geschichte zu erzählen, gibt es grundsätzlich drei verschiedene Erzählweisen:
 

  • Auktorial durch einen allwissenden Erzähler – den großen Checker, der alles überblickt und alles weiß.
     
  • Personal durch die Brille des Prota oder auch mehrerer im Wechsel. Formal wird in der dritten Person erzählt, stilistisch aber nur durch seine individuelle Wahrnehmung geschildert.
     
  • Per Ich-Erzählung – der Prota, der alles aus seiner Sicht erzählt.

Jede Erzählperspektive hat seine Vor- und Nachteile und muss in erster Linie zur Handlung passen. Die auktoriale Erzählung wirkt neutral und bietet einen guten Überblick, jedoch kann es schnell etwas unpersönlich wirken:



  • „Das schaffe ich nie“, dachte sie. Sie fand es schrecklich.

Unmittelbarer wirkt dies auf personale Weise erzählt:

  • Herrje, das schaffte sie niemals. Wie schrecklich!

Die personale Erzählweise ist eine Hybridform aus den anderen beiden. Es wird zwar in der dritten Person erzählt, aber nur die Sichtweise des jeweiligen Akteurs berücksichtigt. Doch kann man hier, anders als bei der Ich-Erzählung, noch weitere Informationen unterbringen, indem man kapitel- oder wenigstens passagenweise andere Akteure zu Wort kommen lässt, jeden in seinem eigenen Abschnitt.

Sehr individuell dagegen ist die Ich-Erzählung. Allerdings ist diese Erzählweise durch den subjektiven Blick auch entsprechend stark eingeschränkt. Der Prota kann nur erzählen, was er sieht, erlebt und denkt. Dies kann durchaus auf Kosten der Objektivität gehen. Auch wird es schwierig, in der Ich-Perspektive für die Handlung wichtige Hintergrundinformationen unterzubringen. Daher sind die Texte, für die sich die Ich-Perspektive wirklich gut eignet, eher selten vorhanden.
 

 Verschiedene Möglichkeiten, eine goldene Regel

Bevor man loslegt und sich die passende Erzählperspektive für sein Projekt überlegt, gilt es, eine wichtige Regel zu beachten: Egal welche Perspektive man wählt, man muss bei dieser unbedingt bleiben. Natürlich kann man von Kapitel zu Kapitel auch mal die Erzähltechnik variieren, das ist manchmal sogar nötig. Wenn zum Beispiel ein Tagebucheintrag oder eine Traumsequenz eingefügt wird, kann man durchaus für den Abschnitt die Erzähltechnik wechseln und für diesen Textbaustein etwa vom auktorialen zum Ich-Erzähler wechseln.

Innerhalb der Passage muss man aber auf jeden Fall innerhalb der gewählten Erzählweise bleiben, also nicht vom Ich-Erzähler zum auktorialen springen und wieder zurück. Auch muss man bei der personalen Erzählweise darauf achten, immer im Blickwinkel des jeweiligen Akteurs zu bleiben. Das kann bei sehr aktionsreichen Szenen, wo viel auf einmal passiert und viele Akteure unterschiedliche Dinge tun, manchmal etwas kompliziert werden.

Zum Beispiel bei einer Kampfszene: Die Autorin oder der Autor sollte das Geschehen ordentlich sortiert vor Augen haben und sich klar notieren, wer was macht. Welcher Akteur hat den Löwenanteil? Aus dessen Sicht wird dann geschildert. Ob ein anderer Akteur zur gleichen Zeit etwas anderes denkt, völlig außer Atem in die Knie geht, von Panik erfüllt davonrennt oder vor lauter Heldenmut einen Motivationsschub hat und über sich hinauswächst – leider völlig irrelevant. Der Akteur, der die Perspektive innehat, kann nichts wissen von den Gefühlen und Gedanken der anderen. Es sei denn, er hat magische Fähigkeiten und kann Gedanken lesen. Allerdings kann er durchaus aus dem Augenwinkel wahrnehmen, wie einer seiner Mitstreiter davonrennt, zu Boden sinkt oder heldenhafte Meisterstücke vollbringt. Aber eben nur aus diesem einen – aus seinem – Blickwinkel.

Was jedoch geht, wenn die Handlung nicht bei mehreren Akteuren gleichzeitig passiert, sondern schön ordentlich nacheinander: Man kann durchaus zwischen den Textblöcken die Perspektive wechseln.

Ritter Kunibert schildert den Schwertkampf aus seiner Sicht. Wechsel der Perspektive (optisch durch Absatz und vielleicht zentrierte *** verdeutlicht). Sein Knappe Wolfram schildert die Nachtwache nach dem Kampf. Wechsel. Der andere Ritter Adalbert schildert die Weiterreise am nächsten Tag. Wer was erzählt, hängt davon ab, welcher Akteur in der aktuellen Passage der aktivste ist. Auf diese Weise ist es auch in der personalen Erzählweise ohne weiteres möglich, unterschiedliche Sichtweisen und individuelle Aspekte im Text zu verarbeiten.
 

Vorsicht, Falle!

Aber gerade bei der personalen Erzählweise ist es extrem wichtig, jederzeit präsent zu haben, durch wessen Brille man gerade schaut, durch wessen Blick man die Handlung zeigt. Ein beliebter Fehler ist es beispielsweise, zu erzählen, was der Prota gerade NICHT wahrnimmt:
 

  • Adalbert bemerkte nicht, wie jemand in die Schenke kam.

Wenn die Passage personal erzählt wird, kann Adalbert nicht wahrnehmen und weitergeben, was er nicht bemerkt. Was passiert, wenn er wegschaut, abgelenkt ist, schläft oder schlicht nicht anwesend ist, kann auf diese Weise nicht erzählt werden. Dafür braucht man dann einen anderen Kunstgriff: Vielleicht kann er es auf dem Markt hören, jemand anderes erzählt es ihm, er belauscht ein Gespräch oder was auch immer in die Erzählung passt – im Fachjargon die Teichoskopie. Oder man kann es vielleicht auch ganz weglassen. Wenn Adalbert aus diesem Beispiel nicht bemerkt, wie jemand in die Schenke kommt, steht er vielleicht völlig unerwartet hinter ihm:

  • Plötzlich stand Wolfram hinter ihm. Adalbert erschrak, er hatte ihn gar nicht in die Schenke kommen sehen.

Oder war es gar nicht Wolfram, sondern ein Dieb? Auch dann ist es später völlig klar, dass Adalbert den Langfinger vorher nicht bemerkt hatte, wenn er nach seinen Dukaten sucht:
 

  • Adalbert stutzte – wo war seine Barschaft? Gestohlen? Er hatte niemanden bemerkt.

Wenn man sich verinnerlicht hat, wer gerade die Erzählperspektive besitzt und durch welchen Blick man das Geschehen schildert, ist es mit ein bisschen Übung gar nicht schwer, dies konsequent durchzuhalten. Die verschiedenen Fäden des Plots laufen zwar im Kopf der Autorin oder des Autors zusammen, auf dem Papier müssen sie aber sauber sortiert erscheinen, um dem Leser einen stringenten Erzählfluss zu präsentieren.
 

Schreibübung: Einfach mal die Blickrichtung ändern

Als Fingerübung, um die Sache mit den Erzählperspektiven (insbesondere mit der personalen Erzählweise) zu trainieren, kann man sich einfach mal eine kurze Handlung überlegen und sie konsequent aus verschiedenen Blickwinkeln präsentieren. Was sich am Schluss ergeben sollte, ist ein lückenloses Bild über die Handlung, in dem aber auch nichts redundant erscheint. 

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Weitere Artikel:

Der rote Faden – oder: Was sich zu kürzen lohnt

I’m just a dreamer, I dream my life away …

Das Spiel mit den Satzzeichen 

 


Katrin schreibt nicht, sie lässt schreiben und verleiht als Lektorin den Texten den letzten Schliff. Was sie liest, rezensiert sie gern auf https://nowheremansbuecherschrank.wordpress.com/

 

 


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