Mittwoch, 17. Februar 2016

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ - Wie man Träume durch Schreiben ausleben kann

Wir alle träumen von Dingen, die wir nicht haben können, und wollen sein, was wir nicht sind. Manches davon lässt sich mit ein wenig Mut, Ausdauer und Ehrgeiz erreichen, anderes fällt uns vielleicht sogar in den Schoß. Vieles wird jedoch auf immer nur ein Traum bleiben.



Als Autor kann man diese Träume jedoch ein Stück wahr werden lassen. Wir können uns die Welten erschaffen, in denen wir gerne leben und Abenteuer erleben wollen. In unseren Geschichten können wir uns unseren Traumpartner schreiben und mit ihm zusammen sein und wir können uns selbst das Leben und die Charaktereigenschaften und das Aussehen verleihen, das wir uns für uns selbst wünschen. Das geht sogar noch besser wie als Schauspieler oder RPGler, denn als Autor sind wir der Gott der von uns geschaffenen Welt und haben die Kontrolle über alles, was in ihr geschieht.

Heute möchte ich euch ein paar Möglichkeiten vorstellen, wie ihr eure Träume in Geschichten leben könnt und was es dabei zu beachten gilt.


Der Self-Insert

Ein berühmtes Beispiel für einen Self-Insert ist Old Shatterhand aus den Winnetou-Büchern. Mit dieser Figur hat Karl May sich einen Charakter erschaffen, durch den er nicht nur Abenteuer erleben konnte, er ging sogar so weit zu behaupten, er sei selbst Old Shatterhand. Es heißt, dass er irgendwann nicht mehr zwischen der Figur und sich selbst unterscheiden konnte. Er ließ sich unter anderem sogar die Gewehre seiner Romanhelden, wie den Bärentöter und den Silberstutzen anfertigen.

Dieser Realitätsverlust ist eine Gefahr, die man ernst nehmen sollte. Wenn man an sich selbst beobachtet, dass an sich mehr wie der eigene Romanheld als wie man selbst fühlt und anfängt, seine eigenen Verhaltensweisen diesem anzupassen, sollte man aufpassen. Natürlich kann eine solche Anpassung auch eine Veränderung zum Positiven sein, weil wir von fiktiven Figuren auch etwas lernen können. Man sollte das jedoch immer kritisch hinterfragen.

Und es gibt noch eine weitere Gefahr: Wenn aus dem Self-Insert eine Mary Sue (oder ein Gary Stu) wird – also eine Figur, die durch und durch perfekt ist, alles sofort beherrscht, perfekt aussieht, von allen geliebt wird und keinerlei Schwächen hat. Also eine Figur, die sämtliche der eigenen Schwächen nicht hat und alles ist, was man selbst gerne wäre. Mit dieser Art von Figuren kann man seine Leser ganz schnell vergraulen – egal, wie gut die Story ansonsten ist.

Dieses Phänomen trifft man häufig im Fanfiction-Bereich und bei Schreibanfängern. Der Self-Insert meistert selbst die unglaublichsten Abenteuer mit Bravour und kommt mit der persönlichen Vorstellung eines Traumpartners zusammen bzw. mit der Romanfigur, für die man selbst schwärmt. Dabei wird gerne außer Acht gelassen, wie realistisch eine solche Beziehung angesichts der Charaktere und ihrer Geschmäcker wäre.

Es ist ok, wenn ihr euch auf diese Weise ausprobiert. Und es spricht nichts dagegen, dass eine eurer Figuren ein Self-Insert ist und diese all das erlebt, was ihr selbst gerne erleben würdet. In jeder Figur, die man erfindet, steckt auch ein Stück von einem selbst. Gerade als Schreibanfänger sind Self-Inserts auch eine gute Übung, weil es leichter ist, sich in jemanden hineinzuversetzen, der genauso tickt, wie man selbst. Aber achtet dabei darauf, dass diese auch ihre Fehler und Schwächen hat. Wie bei allem anderen müsst ihr hier das richtige Maß finden. Fragt euch, wie ihr es als Leser fändet, wenn eurem Helden alles in den Schoß fällt. Wäre es nicht viel spannender, wenn er durch Scheitern und das Überwinden von Schwierigkeiten an sein Ziel (= die Erfüllung eures Traumes) gelangt? Und würde euch nicht auch selbst die Herausforderung fehlen, wenn ihr im Leben alles bekommt?


Das Out-Of-Charakter-Phänomen (OOC)

Dieses Phänomen ist vor allem im Fanfiction-Bereich stark verbreitet. Doch auch einem Romanautor kann es im Laufe einer Romanreihe passieren, dass sich einer der Charaktere irgendwann nicht mehr gemäß seiner Vorlage und damit unnatürlich verhält. Da es in diesem Artikel um das Verwirklichen von Träumen geht, möchte ich an hier besonders darauf eingehen, wieso Romanfiguren in Fanfictions gerne verzerrt dargestellt werden.

Abgesehen davon, dass ein Charakter besonders bei Fanfiction-Anfängern dazu neigt, von seiner Vorlage abzuweichen (ich kann davon übrigens ein Lied singen, die Dialoge meiner ersten Versuche lasen sich wie eine Seifenoper), steckt auch hier oft das „ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“-Prinzip dahinter. Ich wage zu behaupten, dass dies in vielen Fällen unbewusst geschieht. Denn Fanfictions bieten eine hervorragende Vorlage, um sich einer geliebten Romanfigur näher zu fühlen. Man identifiziert sich mit dem Protagonisten oder schwärmt für einen bestimmten Charakter. Manchmal ist es auch einfach nur die Idee hinter einer Figur und/oder deren Loveinterest.

In jedem Fall läuft man hier schnell Gefahr, dass man bei der Umsetzung einer entsprechenden Geschichte so viel seiner eigenen Wunschvorstellungen in die Figuren hineinprojiziert, dass sie aufhört, ihrer Vorlage zu entsprechen. Da wird der düstere, tragische Held gerne mal zum romantischen Süßholzraspler und die unscheinbare Protagonistin zur Sexbombe. Ist der Loveinterest der Figur, mit der man sich selbst am stärksten identifiziert, zufällig auch die Figur, für die man selbst schwärmt, können beide Figuren schnell OOC geraten, weil es eigentlich man selbst ist, der die Beziehung mit dem Loveinterest führt.

Wenn ihr das bei euch beobachtet oder eine solche Geschichte schreibt, so fragt euch, ob es mehr die Idee hinter den Figuren und ihrer Beziehung oder der Loveinterest selbst ist, wegen dem ihr diese Geschichte schreibt. Fragt euch, ob ihr diese Figur nicht gerade deswegen so sehr liebt, weil sie so ist, wie sie eben ist. Findet ihr den düsteren Helden nicht gerade deswegen toll, weil er düster ist? Oder projiziert ihr in ihn, was ihr euch selbst von einem Traumpartner wünscht?

Ich glaube, es liegt auch ein wenig in unserer Natur, sich einen fiktiven Loveinterest nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen zurechtzubiegen, sofern er nicht bereits exakt der eigenen Vorstellung entspricht, was vermutlich eher selten geschieht. Wir tun dies auch mit realen Personen, wenn wir verliebt sind, was früher oder später zu einem bösen Erwachen führt. Zudem haben fiktive Charaktere auch immer unbeleuchtete Facetten ihrer Persönlichkeit, die man nach Belieben ausgestalten kann.

Natürlich kann es auch andere Gründe geben, warum man einen Charakter OOC schreibt. Sehr beliebt sind Parodien und Gedankenexperimente, in denen der betreffende Charakter beispielsweise seine sexuelle Orientierung oder seine Gesinnung ändert. Bei gewollter OOC-ness solltet ihr das im Vorwort der Geschichte erwähnen, um euren Lesern böse Überraschungen zu ersparen.


Sexuelle Phantasien

Auch der Wunsch nach sexueller Erfüllung wird gerne in Geschichten ausgelebt. Sei es durch Hausfrauensex-Geschichten, in denen Hausfrauen die heißesten Ficks mit Postboten, Handwerkern oder heimlichen Liebhabern haben, während der Mann bei der Arbeit ist, oder indem man seine Lieblingscharaktere miteinander Sex haben lässt. Manch einer schreibt sich auch einen Self-Insert, um es mit seinem Lieblingscharakter oder dem heißen Unbekannten zu tun.

Beim Ausleben sexueller Phantasien sind der eigenen schmutzigen Phantasie keine Grenzen gesetzt und auf anatomische Korrektheit wird auch nicht immer Wert gelegt. In Fanfictions werden gerne auch zwei männliche Charaktere miteinander verkuppelt, die im Original eigentlich heterosexuell sind. Hier steckt häufig der Wunsch dahinter, dass man zwei heiße Typen miteinander Sex haben lassen will, um sie noch besser anzuhimmeln.

Wenn ihr eure sexuellen Phantasien in eure Geschichten einbaut und diese veröffentlicht, so habt auch hier immer eure Leser im Hinterkopf, sofern ihr nicht ausschließlich für euch selbst schreibt. Fragt euch, ob diese Szene zur Handlung beiträgt, ob diese Stellungen in der Praxis überhaupt möglich sind und recherchiert, wenn ihr euch unsicher seid, ob man bei Analsex feucht wird. Passt die Art des Treibens zu den Charakteren und der Geschichte? Oder schreibt ihr diese Szenen nur auf, weil es euch danach verlangt?

In den meisten Fällen ist das schriftstellerische Ausleben von Träumen weniger spektakulär. In einem Raumschiff fremde Planeten zu bereisen, Drachen zu reiten, ein Geheimagent zu sein oder mit einer Reihe treuer Gefährten Abenteuer zu erleben, sind vermutlich viel häufiger ein bewusstes oder unbewusstes Ausleben von Träumen. Etwas von unseren Träumen und Wünschen fließt immer in unsere Geschichten ein, denn wir alle haben unsere Sehnsüchte, wollen nachträglich verpasste Chancen nutzen oder kitten, was wir im wirklichen Leben nicht heilen können. Wir alle haben unsere Fehler und Schwächen und streben nach Perfektion. Und in jedem unserer Charaktere steckt auch immer ein Stückchen von uns selbst.


Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.

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