Freitag, 1. Januar 2016

Der literarische Jahresrückblick 2015

Fangen wir mit einem kleinen Skandal an, der sich eigentlich schon Ende 2014 zutrug, aber die Bücherwelt noch bis ins Jahr 2015 beschäftigt hat. Am 12.12 wurden Razzien gegen zwei illegale E-Book-Plattformen durchgeführt, gleichzeitig wurde auch eine Facebookgruppe bekannt, in der Leser und Leserinnen Rezensions- und Vorabexemplare digital getauscht haben. Ich persönlich sehe E-Book-Piraterie nicht wirklich als wirtschaftliches, sondern als moralisches Problem. Die Leute hätten sich mit Sicherheit so oder so nicht das E-Book geholt, denn wer sagt schon: »Woah, das E-Book will ich unbedingt lesen, aber es kostet 2,99€ - das ist einfach nicht drin!« Und die teuren Verlagsbücher kriegt man auch in Bibliotheken quasi umsonst. Da stellt sich einem wirklich die Frage, was für einen Sinn E-Book-Piraterie hat; das Preis-Leistungs-Verhältnis ist eigentlich bei elektronischen Büchern so gut, dass es dafür keinen ernsthaften Grund geben kann. Vermutlich ist es einfach eine Art von Gier gepaart mit dem Wunsch, nichts verpassen zu wollen. Jedenfalls laden die E-Book-Piraten, die ich kenne, die Bücher in dreistelligen Quantitäten runter, teilweise täglich. Da kann mir niemand sagen, dass die Leute wirklich ein Interesse am Lesen oder Geldsparen haben.



Was die Facebookgruppe angeht: Hier war besonders das Problem, das einige (vermeintliche Fans) das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und den Autoren massiv missbraucht haben.

Im Januar gab es dann die ersten Anschläge in Paris in diesem Jahr. Das Ziel war die Redaktion einer satirischen Wochenzeitschrift. Hier zeigte sich, wie wichtig und einflussreich auch die künstlerische Auseinandersetzung mit politischen Themen ist. Natürlich sind die Leute dafür gestorben, aber wer hat am Ende wirklich gewonnen? Mit den Anschlägen haben die Islamisten nur gezeigt, womit man sie wirklich treffen kann, was sie ernsthaft fürchten. Man muss sich vor Augen halten, dass Freiheit und Menschenrechte in einer Demokratie nicht nur Rechte sind, sondern auch Pflichten, die es zu verteidigen gilt - und zwar von jedem.

Das EuGH fällte dann im März ein ebenso denkwürdiges wie seltsames Urteil. Es erklärte die Umsatzsteuerbevorzugung für E-Books, wie es Frankreich und Luxemburg praktizierten, für rechtswidrig. Das traf besonders Self-Publisher und Amazon sehr stark. Mit Amazon muss man natürlich nicht unbedingt Mitleid haben, aber besonders für die Self-Publisher ist es ein echtes Problem, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Die Begründung dahinter ist, dass es digitale Medien sind und die werden eben so besteuert. Das bedeutet also, dass das Medium und nicht der Inhalt für die Klassifizierung von Kunstwerken maßgeblich ist. Vielleicht sind Drehbücher eine Marktlücke? Und was passiert, wenn man ein Kunstwerk auf Buchseiten malt?

Aber es gibt einen Lichtblick: Luxemburg hat bereits im Mai angekündigt, ein Gesetz einbringen zu wollen, bei dem alle digitalen Medien unter einen ermäßigten Steuersatz fallen sollen.

Eine weitere Meldung hat für Schrecken und Irritationen gesorgt: Der Diogenes Verlag war dieses Jahr nicht auf der Frankfurter Buchmesse. Was war passiert? Der Niedergang des Literaturmarkts hat schon die ganz Großen getroffen? Alles wieder die Schuld von Amazon? Oder die Jugend, die nicht mehr liest? Nein, es wurde lediglich der Schweizer Franken abgewertet und somit die Teilnahme für den Verlag aus der Schweiz unverhältnismäßig teuer geworden wäre. Tja, manchmal sind auch einfach andere oder höhere Kräfte schuld.

Kommen wir abschließend zu dem Thema, dass die Medien eigentlich komplett in der zweiten Jahreshälfte beschäftigt hat: die Flüchtlinge. Einige Autoren haben Stellung bezogen, die meisten bisher geschwiegen, was ich wiederum für seltsam und bedenklich halte, weil solche historischen Ereignisse sich normalerweise zuerst in den Künsten niederschlagen, aber ich hoffe und denke, dass 2016 das Thema genug gewürdigt wird. Der schleichende Rechtsruck in der Gesellschaft wird auf lange Sicht auch nicht vor der Kunstszene halt machen, daher müssen Autoren auch ihre Stimme erheben, weil sie als moralische Instanz gelten und man den Akif Pirinccis nicht das Feld allein überlassen darf. Immerhin bieten Flüchtlinge auch eine große Chance für die deutschsprachige Literaturwelt, denn man lernt eine Sprache gut über Bücher, die geschrieben werden müssen.

Das ist dann auch mein Trendtipp für 2016: Bücher zum Thema Flüchtlinge, aber auch für Flüchtlinge.

Subjektiv nehme ich wahr, dass der Literaturmarkt wieder am Wachsen ist, aber sich verändert. Die Self-Publisher werden immer wichtiger, wohingegen der Einfluss der Verlage abnimmt, was meiner Meinung nach mit den starken Qualitätsproblemen bei vielen Verlagsbüchern zusammenhängt. Die FBM15 hat gezeigt, dass Self-Publisher immer stärker wahrgenommen werden, was für mich etwas Positives hat, da dadurch eine Demokratisierung und Avantgardisierung auf dem Buchmarkt vorangetrieben wird.

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