Samstag, 12. Dezember 2015

Die Schneeflockenmethode

Ein spannender und stimmiger Plot kommt nicht aus dem Nichts – er erfordert eine Menge Arbeit. Jeder Autor kann selbst entscheiden, ob er diese Arbeit vor dem Schreiben, oder nach der ersten Rohfassung erledigt. Wichtig ist nur, dass er eine Methode findet, die für ihn funktioniert.


Die Schneeflockenmethode ist eine von vielen Möglichkeiten, an ein Romanprojekt heranzugehen. Sie wurde vom amerikanischen Physiker und Schriftsteller Randall "Randy" Scott Ingermanson entwickelt und unterscheidet sich in seiner Herangehensweise sehr von der 3-Akte-Struktur oder dem 7-Punkte-System.




Wie kommt diese Methode zu ihrem Namen?

Genauso, wie auf dem folgenden Bild aus einem einfachen Dreieck eine komplizierte Schneeflocke entsteht, indem bei jedem Schritt an die glatten Kanten ein neues Dreieck angefügt wird, erweitert auch die Schneeflockenmethode eine Idee Schritt für Schritt, bis am Ende eine ganze Geschichte steht.



Diese Methode funktioniert nur, wenn schon eine Idee für die Geschichte vorhanden ist, denn sie beginnt damit, seine Geschichte in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Es ist also notwendig, sich vorher schon Gedanken zu machen über Thema, Hauptfigur, Beginn und Ende seiner Geschichte. Man fängt mit der grundlegenden Idee an und entwickelt daraus in zehn Schritten den Großteil seiner Geschichte.

Aus Erfahrung weiß ich, dass das Zurückgehen und Überarbeiten vorheriger Schritte dazu gehört und oft sogar notwendig ist, um Fehler auszubügeln.


Schritt 1
Fasse deine Geschichte in einem Satz zusammen.

Dieser erste Schritt ist für viele der schwerste, denn eine gute Ein-Satz-Zusammenfassung zu schreiben, kann man schon fast als Kunst bezeichnen. Nimm dir dafür bitte eine ganze Stunde Zeit und teste viele Variationen.

Versuche, nicht mehr als 15 Wörter zu benutzen. Je kürzer dieser Satz ist, desto prägnanter. Das ist wichtig, denn diesen Satz kannst du später nutzen, um deinen Roman Agenten, Lektoren, Buchhändlern und Lesern schmackhaft zu machen.

Der Name deiner Hauptfigur ist hier weniger wichtig, als das, was sie ausmacht. Anstatt einen Namen zu verwenden, ist es besser vom „Serienmörder“ oder dem „krebskranken Lehrer“ zu schreiben.


Schritt 2
Die nächste Stunde nimmst du dir, um diesen Satz zu einem ganzen Absatz zu erweitern.

Randy Ingermanson arbeitet hier bevorzugt mit „drei Katastrophen und ein Ende“. Hier geht es also darum, die Katastrophen oder Wendepunkte und das Ende deiner Geschichte ganz knapp zu erzählen.

Einen Satz für den Hintergrund oder die Basis deiner Geschichte, einen Satz für jede Katastrophe und einen Satz über das Ende.

Die erste Katastrophe ist meist ein von außen herbeigeführtes Ereignis, das die Geschichte ins rollen bringt. Die weiteren Katastrophen oder Wendepunkte sollten sich jedoch aus der Geschichte ergeben und ihren Ursprung in den Handlungen der Hauptfigur haben.

Dieser Absatz hat im Idealfall 5 Sätze und ist eine wunderbare Zusammenfassung, die du erzählen kannst, wenn du Agenten und Verleger mit deiner Ein-Satz-Zusammenfassung wirklich neugierig gemacht hast.


Schritt 3
Jetzt kommen wir zu den Figuren des Romans. Für jede wichtige Figur deines Romans arbeitest du folgende Punkte aus:

☃ Name der Figur

☃ Eine Ein-Satz-Zusammenfassung der Storyline der Figur

☃ Die Motivation der Figur (was möchte sie im Allgemeinen?)

☃ Das Ziel der Figur (was möchte sie konkret erreichen?)

☃ Der Konflikt der Figur (was hindert sie daran, ihr Ziel zu erreichen?)

☃ Die Entwicklung der Figur (was lernt sie, wie verändert sie sich?)

☃ Eine Ein-Absatz-Zusammenfassung der Storyline der Figur (In fünf Sätzen. Wie startet die Figur in die Geschichte, was erlebt sie für Tiefpunkte, wie verändert sie sich zum Ende hin.)


Schritt 4
Nun ist der Zeitpunkt gekommen, die Geschichte weiter wachsen zu lassen. Dazu erweiterst du die Sätze aus Schritt 2 jeweils zu Absätzen mit ungefähr 5 Sätzen. Jeder dieser Absätze sollte in einer Katastrophe enden, bis auf den letzten Absatz, der das Ende erzählt.

☃ Der erste Absatz startet mit der Ausgangssituation und endet in der ersten Katastrophe.

☃ Der zweite Absatz erzählt die weitere Handlung bis zur zweiten Katastrophe.

☃ Der dritte Absatz lässt die Spannung immer mehr steigen und endet mit der dritten Katastrophe.

☃ Absatz 4 erzählt die letzte Etappe bis zum großen Finale und der Auflösung.

Dies ist schon eine Art kleines Exposé von etwa einer Seite und spätestens jetzt solltest du merken, ob deine Idee etwas taugt, oder ob du zum Brainstorming zurückkehren und die Geschichte neu aufbauen solltest.


Schritt 5
Jetzt geht es wieder um die Figuren.

In diesem Schritt schreibst du die Geschichte aus der Sicht der Figuren auf. Für die Hauptfiguren sollte sich jeweils eine volle Seite ergeben, Nebenfiguren kommen hier auch mit einer halben Seite pro Figur aus. Als Hilfe nimmst du hier deine Ausarbeitung von Schritt 3.

Wichtig ist, dass du deine Figuren wirklich kennenlernst, ihre Storyline verstehst und etwas über ihren Part in der Gesamthandlung lernst, denn eine Figur, die nicht viel zur Hauptgeschichte beiträgt, kann gestrichen werden.

Schritt 6
Nun wird es Zeit, die Geschichte so richtig auszuarbeiten. Für diesen Schritt plant Ingermanson eine ganze Woche ein.

Hier erweiterst du jetzt die eine Seite aus Schritt 4 auf vier Seiten. Dabei gehst du so vor, dass du jeden Absatz zu ungefähr einer Seite ausbaust. Es ist eine Menge Kreativität gefragt, um die vielen Löcher in der Handlung zu stopfen, die sich auftun und du musst wahrscheinlich ein paar Mal zu früheren Schritten zurückkehren und Korrekturen vornehmen.


Schritt 7
Auch für diesen Schritt solltest du eine ganze Woche einplanen. Es geht jetzt darum, deine Figuren mit allen Details auszuarbeiten. Vom Aussehen, über Wünsche und Ängste bis hin zu Eckdaten der bisherigen Lebensgeschichte. Am wichtigsten ist die Ausarbeitung der Figurenentwicklung im Laufe der Romanhandlung, also wie sich die Figur durch das, was sie erlebt, verändert.


Schritt 8

Nun schreibst du mit Hilfe deiner vierseitigen Zusammenfassung einen Szenenplan.

Dafür überlegst du dir, welche Szenen du alles brauchst, um deine Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen.

Am einfachsten legst du diesen Szenenplan in einer Tabelle an. Für jede Szene nimmst du eine neue Zeile und nutzt die erste Spalte dafür, der Szene einen Namen (eine Überschrift) zu geben. In die zweite Spalte schreibst du den Perspektiv-Charakter, aus dessen Sicht die Szene erzählt wird. Die dritte Spalte wählst du größer und schreibst eine knappe Zusammenfassung, was in der Szene passiert. Du kannst auch noch weitere Spalten nutzen, z.B. um den Ort der Szene festzuhalten oder die Zuordnung zu den Romankapiteln vorzunehmen. In diesem Schritt kommen gern 100 und mehr Szenen zusammen.

Wenn du dir unsicher bist, was die Reihenfolge der Szenen betrifft, ist es vielleicht einfacher, die Szenen nicht in einer Tabelle, sondern auf Karteikarten anzulegen.

Zu empfehlen ist auch die Pinnwand-Funktion des Schreibprogramms Scrivener. Hier arbeitet man mit virtuellen Karteikarten, die sich nach Lust und Laune verschieben lassen.


Schritt 9
Diesen neunten Schritt kann man als optional ansehen. Ingermanson selbst lässt ihn mittlerweile weg.

In diesem Schritt geht es darum, jede Szene aus Schritt 8 in eine halbe bis ganze Seite zu verwandeln, die genaue Informationen zum Konflikt und auch gern schon fertige Textfragmente oder Dialoge enthält. Es ist eine Art Szenenrohfassung.

Ich halte diesen Schritt für sehr aufwändig, besonders, wenn man bedenkt, dass Vieles beim Schreiben der ersten Romanfassung meist noch geändert wird. Um zu vermeiden, dass man Stunden umsonst an diesen detaillierten Szenen gesessen hat, schlägt der Schreibguru Richard Norden vor, nur die nächsten paar Szenen auf diese Weise vorzuplanen und diesen Schritt somit parallel zum Schreiben in Schritt 10 laufen zu lassen.


Schritt 10
Der zehnte Schritt besteht aus dem Schreiben der Rohfassung des Romans und sollte mit der Vorplanung der Schritte 1 bis 9 ganz flüssig laufen.


Fazit
Die Schneeflockenmethode halte ich für eine sehr gut durchdachte und solide Methode, um einen Roman zu planen und zu schreiben und die gewöhnlich aufkommenden Probleme schon im Vorfeld abzuwenden.

Sie ist sicherlich nicht für jeden Schreibtyp geeignet, doch das trifft auf jede Plottingmethode zu. Teste sie einfach aus und finde es für dich heraus!

Ich sehe in ihr auch ein gutes Hilfsmittel für Autoren, die bereits beim Schreiben der Rohfassung waren und stecken geblieben sind. Wo auch immer das Problem liegt, die Schneeflockenmethode hat eine gute Chance es aufzudecken.



Aufgabe:
Versuche die ersten fünf Schritte für dein aktuelles Projekt auszuarbeiten. Du wirst dabei noch eine Menge über deine Geschichte lernen und gleichzeitig sehen, ob die Schneeflockenmethode etwas für dich ist oder nicht.
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Links:

Die Schneeflockenmethode im englischen Original erklärt von Ingermanson:

http://www.advancedfictionwriting.com/articles/snowflake-method/

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