Samstag, 7. November 2015

Das 7-Punkte-System

Mögliche Wege, um eine Geschichte vor dem Schreiben zu planen, gibt es viele. Für welches Gerüst man sich dabei entscheidet, hängt vor allem davon ab, wie genau man beim Planen vorarbeiten möchte.
Heute möchte ich über das 7-Punkte-System von Dan Wells sprechen. Das 7-Punkte-System ist so ein Plotgerüst und mein persönlicher Favorit. Dan Wells nennt als Inspirationsquelle den "Star Trek RPG Narrator’s Guide", das Regelwerk eines Pen & Paper-Rollenspiels.
Wenn die ersten Ideen einer Geschichte stehen, finde ich das 7-Punkte-System besonders nützlich, weil es eine ausführlichere und übersichtliche Version der 3-Akte- und 5-Akte-Struktur darstellt.





Das 7-Punkte-System sieht wie folgt aus (Mit klassischer Heldenreise):

  • 1. Aufhänger (Hook) - Einführung von Setting und Held 
  • 2. Erste Wendung (Plot Turn 1) - Problem taucht auf, Held reagiert 
  • 3. Erster Kniff (Pinch 1) - Situation verschlechtert sich 
  • 4. Mittelpunkt (Midpoint) - Held beginnt, aktiv vorzugehen 
  • 5. Zweiter Kniff (Pinch 2) - Situation verschlechtert sich nochmals 
  • 6. Zweite Wendung (Plot Turn 2) - Held dreht Situation in letzter Sekunde herum 
  • 7. Auflösung (Resolution) - Held siegt über das Problem


Ob man damit gut arbeiten kann, hängt natürlich stark von den eigenen Vorlieben ab. Wer gern plant, ist mit diesem System gut bedient. Es ist allerdings nicht zu ausführlich und starr, sodass beim Schreiben noch genug Freiraum für Änderungen oder Entdeckungen bleibt.
Ich persönlich mag dieses System, da es strukturiert und trotzdem noch flexibel ist.

Schauen wir uns die einzelnen Punkte einmal etwas genauer an:


1. Aufhänger (Hook)

Der Gegenpol zur Auflösung in Punkt 7. Was auch immer das große Ende der Geschichte darstellt, im Aufhänger sollte das genaue Gegenteil der Fall sein.
Hauptfigur und wichtige Nebenfiguren werden eingeführt, wobei zu beachten ist, dass sich auch die Figuren von ihrem "Ich" am Ende der Geschichte unterscheiden, um genug Platz für die Charakterentwicklung zu schaffen.
Ein Konflikt, ein Geheimnis oder ein Problem beginnt sich abzuzeichnen.


2. Erste Wendung (Plot Turn 1)

Das Hauptproblem tritt hervor durch ein unerwartetes Ereignis oder eine Information. Die Handlung wird in eine neue Richtung gelenkt. Hier wird der Alltag des Helden durcheinander gewirbelt und der Leser lernt neue Figuren und Geheimnisse kennen.


3. Erster Kniff (Pinch 1)

Starker Druck lastet nun auf dem Helden, die Spannung spitzt sich zu und zwingt ihn zum Handeln.
Hier ist der Platz für die erste große Katastrophe in der Geschichte, wobei es zu beachten gilt, dass es noch möglich sein muss, die Situation erneut zu verschlechtern.
Gern wird hier auch der Antagonist eingeführt.


4. Mittelpunkt (Midpoint)

Der Mittelpunkt stellt den Übergang von der Anfangssituation zur Endsituation dar.
Der Held wurde durch den Druck in Punkt 3 dazu gebracht, nicht mehr nur zu reagieren, sondern beginnt nun aktiv zu werden, zu agieren. Er ändert somit sein Verhalten und hat bereits einen Entwicklungsschritt getan. Er beginnt, sein Ziel klar zu sehen und arbeitet von nun an darauf hin.


5. Zweiter Kniff (Pinch 2)

Der Druck auf den Helden wird nochmals erhöht, die Situation verschlimmert sich und erscheint aussichtslos.
In diesem Abschnitt sterben häufig Gefährten des Helden oder sie werden durch Umstände daran gehindert, ihm zu helfen, sodass er dem Problem allein gegenübersteht.
Vorher geschmiedete Pläne gehen schief oder dessen Umsetzung braucht mehrere Anläufe (Try-Fail Cycle).

Es scheint, als würden die Gegenspieler gewinnen.
Punkt 5 stellt damit den absoluten Tiefpunkt aus Sicht des Helden dar.


6. Zweite Wendung (Plot Turn 2)

Dem Helden wird die Möglichkeit zum Sieg eröffnet. Er bekommt die Chance, die schreckliche Situation zum Guten zu wenden, da er den wichtigen Hinweis, den Schlüssel, das letzte fehlende Puzzlestück erhält, um zu gewinnen.

(Beachte: In einem Drama gibt dieser Punkt allerdings den letzten entscheidenden Schubs in das bittere Ende.)
Bei dieser zweiten Wendung kann es kitschig zugehen, es kann viel Action oder aber große Überraschungsmomente mit unglaublichen Informationen geben, je nachdem, in welchem Genre sich die Geschichte abspielt.


7. Auflösung (Resolution)

Das Hauptproblem wird gelöst. Auch hier je nach Genre, denn im Drama können nun durchaus auch alle sterben. Meist wird jedoch in der Auflösung der Antagonist besiegt und bestraft (oder zum Guten bekehrt, wenn es ein Buch für jüngere Leser ist).
Der Held hat bis zu diesem Punkt eine Entwicklung durchgemacht und sich im Vergleich zum Anfang verändert. Meist ist er stärker und mutiger geworden.



Vorgehensweise
Dan Wells empfiehlt mit "Punkt 7, Auflösung" zu beginnen, denn das Ende ist besonders wichtig, da man in der gesamten Geschichte auf diesen Punkt hinarbeitet.
Es sollte dem Schreiber hinreichend bekannt sein, wenn er sich hinsetzt, um die sieben Punkte aufzulisten und den Plot zu strukturieren.

Wenn man sein Ende klar umrissen hat, dann ist es einfach, den "Punkt 1, Aufhänger" zu finden, da dieser ja das genaue Gegenteil des Endes sein sollte.

Nach Punkt 7 und Punkt 1 nimmt Dan Wells sich "Punkt 4, Mittelpunkt" vor.
Auch dieser Punkt ist leicht zu finden, da er der Moment ist, in dem der Held beginnt, selbst aktiv zu werden.

Und so geht es nun nur noch darum, die Tiefpunkte und Wendungen einzubauen.
Zwischen Anfang und Mittelpunkt wird das Hauptproblem eingeführt und dem Helden das Leben schwer gemacht. Zwischen Mittelpunkt und Ende verschlimmert man die Lage des Helden nochmals, um dann in letzter Sekunde die entscheidende Wendung zu bringen.

Ich empfehle, nicht nur für die Hauptstory, sondern auch für alle Subplots eine Tabelle mit diesen sieben Punkten anzulegen. Alle Handlungsstränge sollten spannend geplant sein, damit sie den Leser auch interessieren, und das kann man am besten gewährleisten, wenn man sich jeden Subplot einmal einzeln in so einer Tabelle anschaut.

Auch für die Entwicklung des Helden kann so eine Tabelle hilfreich sein, um zu sehen, ob der Charakter auch wirklich eine Entwicklung durchmacht. Gleiches gilt für alle wichtigen Nebencharaktere und den Antagonisten.

Wie bei allen Plotgerüsten gilt jedoch auch hier: Es sind alles nur Vorschläge.
Regeln können gebrochen werden – sollten es sogar manchmal. Wenn die Geschichte im Kopf nicht ganz in das Gerüst passt, ist das also nicht tragisch.



Aufgabe:
Versuche in deiner letzten geschriebene Geschichte oder deinem aktuellen Werk, diese 7 Punkte zu finden und sie in einer Tabelle aufzulisten.
Findest du nicht alle Punkte? Überlege dir, was du an der Geschichte ändern könntest, um einen Ablauf mit diesen 7 Punkten zu erzeugen. Sei dabei möglichst flexibel.
Verbessert sich deine Geschichte vielleicht dadurch?

Wer noch nicht überzeugt ist, schaut sich einmal diesen Videovortrag zum 7-Punkte-System von Dan Wells auf YouTube an und staunt eine Runde, wie er Harry Potter, Star Wars oder Matrix auf genau diese 7 Punkte herunterbricht:



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