Mittwoch, 28. Oktober 2015

Kamasutra, Bondage und Blümchensex – Worauf steht dein Charakter?

Auch außerhalb von Erotik- und Liebesromanen haben Sexszenen eine Existenzberechtigung. Sei es, weil sie für die Handlung oder die Entwicklung der Charaktere in irgendeiner Form von Bedeutung sind oder weil sie dem Leser einen Aspekt der Figuren näherbringen sollen, den man auf anderem Wege nur schwer bis gar nicht vermitteln kann.




Wie detailliert ihr eine Sexszene schreibt, bleibt euch überlassen. Aber selbst, wenn ihr nur Andeutungen macht, sollte das intime Miteinander eurer Figuren daraus ersichtlich sein, wenn die Szene für euren Roman von Bedeutung ist.



Persönlichkeitsaspekte

Da wir ein Produkt aus unseren Genen, unserer Erziehung, unserer Kultur und unserem alltäglichen Umfeld sind, hat all dies auch Einfluss auf die von uns bevorzugten Sexpraktiken. Ein Mensch, der den ganzen Tag über die Verantwortung eines ganzen Unternehmens auf den Schultern trägt, sucht nach Situationen, in denen er diese abgeben kann. Der Kontrollfreak dagegen ist vielmehr unfähig, seine Kontrolle selbst im Bett abzugeben. Manche Menschen sind von Natur aus dominant oder devot, andere für Gleichberechtigung in jeder Hinsicht. Andere wiederum suchen die Herausforderung, wollen ihre Grenzen kennenlernen oder sind auf ganzer Linie kreativ und experimentierfreudig. Und wieder andere streben einfach nur nach Harmonie und Kuschelsex.

Ihr müsst nicht zwingend diesem Schema folgen. Überrascht den Leser und den Partner eurer Figur damit, dass dieser im Bett völlig anders tickt, als es nach außen den Anschein hat. Das baut Konflikte auf und sorgt für Spannung. Wichtig ist hierbei nur, dass ihr dies so vermittelt, dass es keinen logischen Bruch zu dem Rest der Figur darstellt. Überlegt auch, ob euer Charakter zwingend ein Geschlecht bevorzugt.

Worauf eure Figuren stehen, ergibt sich in der Regel aus dem, was ihr bereits über sie zusammengetragen habt. Je besser man seine eigenen Figuren kennt, desto eher lässt sich diese Frage beantworten. Ich persönlich orientiere mich an dem, was sich richtig und natürlich anfühlt. Indem ich meine Figuren auf der sexuellen Ebene auslote, finde ich Antworten auf Verhaltensweisen, die mir vorher nur intuitiv bewusst waren und erkenne, ob zwei Figuren auch wirklich zusammenpassen. Es lohnt sich also selbst dann, wenn es nur darum geht, eure Charaktere besser kennenzulernen.

Hier eine kleine Liste von bekannten und weniger bekannten Sexualpraktiken jenseits von Missionars- und Löffelchen-Stellung mit weiterführenden Links:

  • Kamasutra: weitgehend für seine zahlreichen Stellungen bekannt, die nicht selten akrobatisches Können voraussetzen. Dieses Werk beinhaltet auch eine Anleitung für das Miteinander von Mann und Frau im Allgemeinen (https://de.wikipedia.org/wiki/Kamasutra)
  • Daoistische Sexualpraktiken: stammen aus dem alten China und basieren auf einem philosophisch-religiösen Ansatz. Bei richtiger Anwendung sollen sie gesundheitsfördernd und lebensverlängernd wirken. (https://de.wikipedia.org/wiki/Daoistische_Sexualpraktiken)
  • Shibari/Bondage: Japanische Fesselkunst, die sich aus der traditionellen militärischen/polizeilichen Fesseltechnik Hojōjutsu entwickelt hat. Das westliche Bondage ist sehr viel komplexer und bietet zahlreiche weitere Spielarten (https://de.wikipedia.org/wiki/Bondage#Techniken)
  • BDSM: Sammelbegriff für eine Gruppe verwandter Sexpraktiken, die oft miteinander einhergehen (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) und auf dem ssc-Prinzip (safe, sane, consensual) basieren. Ist oft ein erotisches Rollenspiel, wird von manchen Paaren allerdings auch dauerhaft im Alltag gelebt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Portal:BDSM_und_Fetisch)
  • Rollenspiele: Das kann alles sein, angefangen von Cowboy und Indianer, Räuber und Gendarm oder Tarzan und Jane bis hin zu Doktorspielen. Beide Partner schlüpfen in eine Rolle, die sie für die Dauer des Aktes übernehmen, und verkleiden sich dazu eventuell. Kleiner Randomfact am Rande: Viele Rollenspiele basieren auf Vergewaltigungsphantasien.
  • Fetische sind keine Sexpraktiken im eigentlichen Sinne, können aber wunderbar in das Liebesspiel eurer Figuren integriert werden. Dies kann alles sein von Schuh- oder Fußfetisch, den Klassikern Lack & Leder bis zu getragener Unterwäsche des Partners. Ich habe sogar einmal von einem Mann gehört, der Käse verabscheut hat, es aber erregend fand, von seiner Domina damit gefüttert zu werden. Fetische sind auf Körperteile oder Gegenstände bezogen und ihr könnt eurer Phantasie hier ruhig freien Lauf lassen, um das Richtige für eure Figuren zu finden.
  • Und hier ein Artikel, bei dem ich ehrlich gesagt nicht weiß, wie viel Glauben man ihm schenken kann, doch er bietet zahlreiche kreative Ideen, worauf eure Figuren so im Speziellen stehen könnten: (http://www.wunderweib.de/liebe/sex-praktiken-aus-aller-welt-bl1023488.html)
Einige dieser Praktiken scheinen der Moderne entsprungen, existieren jedoch seit der Antike. So findet man Bilder von sexuellen Züchtigungen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. in der Tomba della Fustigazione. Im alten Griechenland waren Beziehungen zwischen Männern und Jungen üblich und genossen teilweise sogar Ansehen. Daher könnt ihr diese mit etwas Recherche (jedes dieser Themen ist für sich genommen ziemlich komplex und eine genauere Betrachtung wert) in historische Romane oder von bestimmten Kulturen und Epochen inspirierte Fantasy-Szenarien integrieren.

Sexuelle Vorlieben entwickeln sich unter anderem durch Erziehung oder einschneidende und traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit eines Menschen. Manchmal übernehmen wir unbewusst, was wir von der Beziehung unserer Eltern wahrnehmen, und integrieren es in unsere eigene. Manchmal sogar, obwohl wir es verurteilen. Traumatische Erlebnisse können bestimmte Merkmale unserer Persönlichkeit verstärken oder unterdrücken, was dazu führen kann, dass wir bestimmte Verhaltensweisen ablehnen oder dass diese verstärkt werden.

Interessant wird es dann, wenn eure Figuren so unterschiedliche Vorlieben haben, dass es zum Konflikt kommt. Besonders dann, wenn sexuelle Vorlieben eng mit der eigenen Weltanschauung und dem gelebten Beziehungsmodell verknüpft sind, kann dies geschehen. Das Unterdrücken von Neigungen zuliebe des Partners und die Anpassung an dessen Beziehungsmodell können zu Frustration, Spannungen innerhalb der Beziehung und Seitensprüngen führen. Selbst wenn die intime Beziehung eurer Figuren nur am Rande eine Rolle spielt, könnt ihr mit den so entstehenden Konflikten eine spannende und unterhaltsame Nebenhandlung entwickeln.


Kulturelle Aspekte

Je nachdem, wann und wo euer Roman spielt und nur wenig interkulturelle Vermischung stattfindet, so liegt es nahe, die Art und Weise, wie eure Figuren miteinander schlafen, anhand ihres kulturellen Hintergrundes zu begründen. In einer patriarchalischen Gesellschaft braucht man nicht darauf hoffen, dass die Frau im Bett dem Manne gleichberechtigt ist, sofern der Mann das Gesellschaftssystem nicht insgeheim ablehnt. Möglicherweise ist die Beziehung sogar missbräuchlich. Andere Kulturen haben vielleicht bestimmte Rituale oder Praktiken, die dort weit verbreitet sind und dort allgemein anerkannt sind (z.B. Kamasutra, Beschneidung etc.). Manchmal sind diese ein Spiegel der Gesellschaft. In einer sehr prüden Gesellschaft findet Sex vielleicht nur im Dunklen statt.

Die Gesellschaft, in der eure Figuren leben, zwingt diesen unter Umständen ein Korsett aus Regeln und Konventionen auf, die das Sexualverhalten beeinflussen können. Dazu gehören unter anderem:

  • Kein Sex vor der Ehe
  • Beschneidung des Mannes / der Frau
  • Homophobie
  • Unterdrückung eines Geschlechts
  • Polygamie
  • Sklavenhaltung
  • Zwangsehen, Ehen als politische Bündnisse
Recherchiert über die Kultur eurer Figuren – oder im Falle fiktiver Kulturen: an welche Kultur diese angelehnt ist – und denkt darüber nach, welchen Bezug eure Figuren dazu haben. Ein Freigeist, der gegen das System rebelliert, tut dies vielleicht auch auf der sexuellen Ebene, weil sich die Gesellschaftsform dort widerspiegelt. Auf diese Weise könnt ihr die Sexpraktiken eures Protagonisten sogar als Gesellschaftskritik verwenden. Je nachdem, wie offen eure Figuren ihre Sexualität leben (vielleicht werden sie ja beim Sex erwischt?), ist es umso wichtiger, den kulturellen Hintergrund zu kennen und diesen den Lesern zu vermitteln, damit andere Figuren eine realistische Reaktion zeigen können. Menschen neigen dazu, auf Abweichungen von der Norm mit Unverständnis und Intoleranz zu reagieren. Und das schafft Potential für neue Konflikte, denen sich eure Protagonisten stellen müssen.


Kreative Spielarten in phantastischen Welten

Falls ihr Science Fiction oder Fantasy schreibt, habt ihr alle Möglichkeiten an der Hand, die sexuellen Vorlieben eurer Figuren in einen anderen Kontext zu bringen und etwas völlig Neues daraus zu erschaffen. Wo steht geschrieben, dass Bondage zwingend mit Seilen oder Frischhaltefolie geschehen muss, wenn es auch magische Fesseln, Lähmzauber oder Tentakel tun? Unterscheidet sich die Anatomie eurer Aliens von der unseren? Dann lasst es sie in Stellungen tun, die für uns völlig unmöglich sind. Erfindet eigene Fetische, die in den Kontext eurer Welt passen. Lasst eurer Kreativität ruhig freien Lauf. Spielt mit den Klischees und führt sie gegebenenfalls ad absurdum.

Und vergesst nicht: So etwas wie ’zu pervers’ gibt es nicht.

Aufgabe: Überlegt euch, wie ihr die sexuellen Vorlieben eurer Figuren gestalten wollt. Wie passt dies in das Bild, das ihr bis jetzt von ihnen habt? Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich daraus?


----------- Zum Weiterlesen: 



Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.

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