Mittwoch, 21. Oktober 2015

Gastbeitrag: Lesben in Büchern ...?

Auf den ersten Blick scheint explizit lesbische im Vergleich zur übrigen Literatur dünn gesät. Dabei ist Homosexualität in der Literatur ohnehin schon nicht besonders verbreitet, sucht man aber gezielt danach, stellt die Mehrheit der Bücher gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern in den Mittelpunkt, was in der Porno-Industrie wiederum anders aussieht. An dieser Stelle könnte sich ein endloser Sermon darüber finden, wie sehr Lesben immer noch als Sexobjekte und Männerfantasien aufgefasst und abgetan werden, aber darum soll es in diesem Artikel schließlich nicht gehen. Trotzdem scheint dieser Umstand, egal, wie viel sich in der Gesellschaft in der Hinsicht schon getan hat, mit ein Grund dafür zu sein, dass man nach lesbischer Literatur, von der man einen gewissen Gehalt erwarten kann, suchen muss.



Ich selbst habe mich mit dem Thema im Allgemeinen schon sehr früh befasst – allerdings weniger in der Literatur als vielmehr im Leben draußen vor der Tür (ja – das soll es geben ;)!). Mit Homosexualität in Büchern bin ich zunächst über Mangas in Berührung gekommen: Hier gilt das Gleiche wie für rein schriftliche Literatur, nämlich, dass schwule Beziehungen weit stärker vertreten sind. Das aber liegt höchstwahrscheinlich an der Zielgruppe (generell Mädchen und junge Frauen zwischen etwa 15 und 20), die, so paradox es erscheint, Schwule aus genau demselben Blickwinkel erfasst wie viele Menschen (nicht alle!) Lesben betrachten: Im Grunde sind es (Soft-)Pornos mit Kitschummantelung im Manga-Format. Es gibt ein paar Werke, die ich im Regal stehen habe und die die Figuren nicht auf ihre Sexualität reduzieren, weil es so etwas wie eine ernstzunehmende Story gibt. Aus dem Kopf wüsste ich aber bloß Utena und allenfalls Lady Oscar zu nennen, wenn ich nach lesbischen Mangas gefragt werde. Darum bin ich auch nie auf die Idee gekommen, gezielt nach brauchbaren Mangas oder Büchern zu suchen. Das mag zum Teil auch an einer gewissen geistigen Trägheit gelegen haben – oder daran, dass ich mit dem Überangebot an Yaoi- bzw. Shonen Ai-Mangas, also jenen, die sich den Beziehungen zwischen Männern widmen, vollauf beschäftigt war.

Erst vor einem halben Jahr, reichlich spät also, ist es mir in den Sinn gekommen, in Frage zu stellen, warum ich Homosexualität auf „Comics“, wenn man es so will, beschränke und in Sachen Literatur erst gar nicht danach gefragt habe (wenn Beziehungen in Büchern auftauchen, sind sie in aller Regel heterosexuell...). Von Manns Der Tod in Venedig mal abgesehen.

Auf der einen Seite bin ich der Ansicht, dass jede Art von Beziehung, ob homo-, hetero-, a- oder sonstwie-sexuell, in Zweier-, Dreier- oder Zwölferkonstellation, gleich behandelt werden sollte (ausgenommen: Pädophilie, Nekrophilie und solche Geschichten). Das sind auch nur Menschen und auch nur Beziehungen. Und solange die Geschichte gut ist, was bedeuten dann schon diese Details?

Auf der anderen Seite ist das eine Sache des Geschmacks. Der eine kann sich in Figuren der gleichen geschlechtlichen und sexuellen Identität besser hineinversetzen, der andere wiederum findet es interessant, eine Geschichte aus den Augen einer für ihn vielleicht weniger nachvollziehbaren Identität mitzuverfolgen.
Die Geschichte ist das Wichtige. Bücher, die die Problematik des Lesbisch-Seins beziehungsweise dessen Andersartigkeit weniger in den Vordergrund rücken, scheinen auf dem Markt dünn gesät. Ich habe mich trotzdem für euch umgesehen…


Erica Fischer: Aimée und Jaguar

Ein Kultbuch scheint der auf wahren Begebenheiten beruhende Roman Aimée und Jaguar von Erica Fischer zu sein. Auf jeden Fall sticht er durch seinen ungewöhnlichen Hintergrund aus dem romantischen Jugendbuchkitsch-Einheitsbrei hervor – der Untertitel verrät: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943. Da schwingt mit, dass die Probleme, die in Fischers Roman behandelt werden, zumindest teilweise jenseits von „Oh so dramatisches Coming-Out“ oder „Hilfe, ich bin in meine beste Freundin verliebt“ liegen. Eifersuchtsdramen gibt es auch, aber die halten sich in Grenzen und stehen nicht im Vordergrund, genauso wenig, wie das Lesbisch-Sein an sich. Hier geht es, wie schon erwähnt, um eine Liebesgeschichte, die zu dieser Zeit an diesem Ort besonders schwierig ist: Jaguar, Felicitas Schragenheim, ist Jüdin. Sie schwebt damit während des Romans permanent in Lebensgefahr. Auch die Tatsache einer lesbischen Beziehung allein, obwohl vom Gesetz im Gegensatz zu Schwulen, nicht behelligt, kann Aimée und Jaguar zum Verhängnis werden*. Verschleiert wird das durch den allgemein relativ offenen Umgang der Protagonisten mit weiblicher Homosexualität.
Obwohl der Klappentext den Ausgang der Geschichte verrät, fiebert man trotzdem in der leisen wie unsinnigen Hoffnung mit, die Geschichte könnte doch irgendwie gut ausgehen. An die Geschichte schließt sich ein Anhang mit Fotos von Aimée, Jaguar, einigen Nebenfiguren sowie verschiedenen Dokumenten an, in denen man gern schmökert, während man noch zögert, das Buch abschließend zuzuschlagen.


Carolin Schairer: Ellen

Ein Buch, das sich, wie Aimée und Jaguar, an ein erwachsenes Publikum richtet, aber in einem zeitgenössischen Setting spielt – es handelt von den turbulenten Wendungen in Ninas Berufs- und Privatleben. Nina rutscht in einen Job hinein, der ihr nicht zusagt und eine Vorgesetzte mit sich bringt, mit der die Protagonistin beim besten Willen nicht warm werden kann. Gerade diese Vorgesetzte ist aber diejenige, die Ninas Leben noch eine überraschende Wendung verleiht. Das Buch steht nicht in meinem Regal, wurde mir aber persönlich ans Herz gelegt. Darüber hinaus hat es bei Amazon fast durchgängig gute Bewertungen, erscheint außerdem auch wenig verkitscht – aber darüber kann man wohl, ohne es gelesen zu haben, schlecht urteilen.


Julie Anne Peters: Du bist mein Geheimnis

Wenn man es gewöhnt ist, die Erwartungen der Eltern – etwa mit guten Noten – zu erfüllen, fällt es doppelt so schwer, sich einzugestehen, dass die innere Erwartunghaltung, man führe eines Tages eine ganz gewöhnliche heterosexuelle Beziehung, durchkreuzt wird. So geht es Holland, von der genau das erwartet wird. Sie entwickelt größeres Interesse an Cece, als an Seth, ihrem besten Freund.
Ich habe das Buch selbst nicht gelesen, aber irgendwie erkenne ich mich doch ziemlich in Holland wieder. Ich denke, es fällt eher in die Kategorie Jugendbuch (empfohlen wird es für die Altersgruppe zwischen 14 und 16); im Gegensatz zu Aimée und Jaguar stellt die Homosexualität hier das Hauptproblem dar. Ich glaube, das werde ich wohl selbst auf meine Liste setzen.


Beispiele für Bücher mit lesbischen Nebencharakteren

Beispielsweise treten in John Nivens Gott Bewahre lesbische Nebenfiguren auf – als Repräsentantinnen ihrer Minderheit im Sinne von gesellschaftlich kaum beziehungsweise gar nicht anerkannten Gruppen. Neben Tunten, Pennern, Alkoholikern, Anarchos und Drogenabhängigen: Außenseiter in jeglicher Form. Natürlich entsprechen sie dem gängigen Klischee vom Mannsweib in Achselshirts und weiten Jeans und mit kurzem Haar: Natürlich, Niven spielt mit den Klischees und setzt sie satirisch ein. Aber muss man gesellschaftliche Ausgrenzung wegen einer bestimmten sexuellen Orientierung beziehungsweise Identität gleichsetzen mit der, die Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Drogenkonsum nach sich ziehten...? Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit Nivens Gott Bewahre trotzdem seinen Spaß haben.

Thea Dorns Die Hirnkönigin ist mir beim Stöbern bei den Bücherfreunden der hiesigen Stadtbibliothek in die Hände gefallen. Aus Interesse an einer weiblichen(!) Serienmörderin habe ich das Buch, irgendwo zwischen Krimi und Thriller angesiedelt, mitgenommen. Über den Krimi-/Thriller-Teil lässt sich streiten – vielleicht bin ich Krimis und Thriller einfach nicht gewöhnt, aber ich habe in der ersten Hälfte des Buchs wirklich hin- und herspekuliert, wer die Mörderin sein könnte, die mit den Hirnen ihrer Opfer herumspielt, bis dann im letzten Drittel die viel zu offensichtliche Figur doch noch aufgetreten ist. Interessant war hier der ungewöhnlich hohe Frauenanteil, von denen keine in die Opferrolle gerät, ebenso wie die auftretende lesbische Nebenfigur Isabella (grüne Dreads, Tochter des stinkreichen ersten Mordopfers, klassischer erster Verdacht) samt ihren (Ex-?)Freundinnen, die in einer Szene über die sich nur mäßig wehrende Kommissarin herfällt. Jene scheint, was ihre Bettpartner angeht, nicht besonders wählerisch zu sein. Überhaupt heimst sie im Allgemeinen wenig Sympathiepunkte beim Leser ein.
Die Hirnkönigin ist nicht übermäßig gut, aber irgendwie erfrischend anders, schon allein, weil Homosexualität als Selbstverständlichkeit behandelt wird. Um es an einem Nachmittag schnell durchzulesen, genügt der Roman allemal.

Es gibt natürlich noch viele, viele Bücher mehr, die von Lesben handeln. Bei der obigen Liste handelt es sich nur um eine kleine Auswahl – aber es macht allemal Spaß, in einem noch relativ unentdecktem Gebiet herumzustöbern. Meine eigene To-Read-Liste ist auf jeden Fall ein gutes Stück länger geworden, und jetzt, da die Tage kürzer und kühler werden, lädt das Wetter dazu ein, sich mit einem Tee, einer Decke und einem Buch aufs Sofa oder ins Bett zu verkrümeln.

Vielleicht möchte der eine oder andere Lesende unter euch die eigene Sichtweise in Bezug auf Sexualitäten beziehungsweise sexuelle Identitäten in Büchern kommentieren – ob ihr es lieber habt, wenn ihr euch mit ihnen identifizieren könnt, oder aber ob euch eher fremde und damit neue Sichtweisen interessieren – würde mich jedenfalls interessieren. :)


*Fußnote: Die Verfolgung von Lesben ist bis dato wenig erforscht, aber von einer gewissen Diskrimination muss mindestens ausgegangen werden. (http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/7809/2010-03-08-Anmerkungen-zur-Verfolgung-von-lesbischen-Frauen-im, 15.09.2015).


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Gastautorin: Melina

Schaut euch doch auch unseren Artikel zur Homosexualität aus der Sicht eines Mannes an.

Kommentare:

  1. Tolle Lesetipps! Von "Aimee und Jaguar" kannte ich bisher nur den Film, welcher im Übrigen zu meinen Favoriten gehört. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass er auf einem Buch basiert. *schäm*

    Das letzte Buch über Lesben, das ich gelesen habe, war "Frostbiss" von Julia Mayer. Auch eine ganz nette Geschichte, die ohne Kitsch auskommt.

    Ich mag es persönlich ganz gerne, wenn ich mich mit den Figuren eines Buches identifizieren kann. Neue Sichtweisen können aber auch ganz interessant sein und den eigenen Horizont erweitern.

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  2. Danke für den lieben Kommentar! Dein Buchtipp klingt nach einem schön einfühlsamen ROman. Werde ich mir mal auf die To-Read-Liste setzen. :) Wie schon im Eintrag angedeutet, entdecke ich gerade dieses "Sich-Identifizieren-Können" auf der Ebene der sexuellen Orientierung. Es ist auch eine interessante Sache im Bezug auf die begehrte Figur, die man so aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. :) Im Übrigen, im Ersten lief vorhin ein schöner FIlm, passend zu diesem Thema: "Ich will dich". Nicht vom dramatischen TItel täuschen lassen - es ist eine angenehm erwachsen erzählte Geschichte. LG Melina

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