Mittwoch, 14. Oktober 2015

Gastartikel: Schreiben über Sex oder Sex beim Schreiben

"Seine Hand auf ihrem Kopf. Ihre Augen, ihre hohe, verschwitzte, irgendwie eiförmige Stirn und ihre Haare, mit denen sie nichts machte, nichts anderes, als seine Schenkel zu streicheln, nichts anderes als ihn anzuschließen an ihren Stromkreis. Ein paar Haarspitzen blieben haften an seinem Schwanz und übernahmen die Versorgung."



Lutz Seiler „Kruso“, prämiert für die schlechteste deutschsprachige Sexszene beim Bad Sex in Fiction Award 2014

"Was immer ihre Körper zuvor in Schranken hielt, war nun verschwunden. Wenn die Erde sich drehte, dann stockte sie, wenn der Wind wehte, dann wartete er. Hände fanden Fleisch, Fleisch, Fleisch. Er küsste den leichten, rosigen Abdruck ihrer Strumpfhose, der rund um ihren Bauch verlief, wie der Äquator um die Erde. Als sie sich verloren in ihrer gegenseitigen Weltumsegelung, kam von nahem das schrille Kreischen, das in einem sanften Heulen endete."

(Im Anschluss taucht ein Hund mit einem toten Pinguin im Maul auf und unterbricht die Liebenden.)

Richard Flanagan "The Narrow Road to the Deep North", Anwärter auf den Bad Sex in Fiction Award 2014

"Als seine Hand ihren Nippel streifte, wurde ein Schalter umgelegt und sie war wie erleuchtet. Er berührte ihren Bauch, und es schien, als brannte seine Hand durch sie hindurch. Er verschwendete beiläufige Berührungen an ihrem Körper, und bittersüße Empfindungen fluteten ihr Hirn. Sie wurde Orten in sich bewusst, die nur von einem Gott mit Sinn für Humor dort versteckt worden sein konnten."

Ben Okri „The Age of Magic“, Gewinner des Bad Sex in Fiction Award 2014


Ebenfalls mit diesem Preis bedachte:
Tom Wolfe „Ich bin Charlotte Simmons“, Norman Mailer „Das Schloss im Wald“, Jonathan Littell „Die Wohlgesinnten“ und John Updike für sein Lebenswerk

Ebenfalls Anwärter:
Haruki Murakami "Schamhaar, so nass wie ein Regenwald" und Michael Cunningham "Er hörte sich selbst vor Staunen nach Luft ringen."


Es geht auch anders


Heftiger:

„Und dann schob ich meine mit Scheiße beschmierte Faust in das Mädchen, und ihre Lippen schmiegten sich um mein Handgelenk, und sie schien zu versuchen, aus mir schlau zu werden, während ich sie ausdruckslos anstarrte, während mein Arm aus ihr ragte, während meine Faust sich in ihrer Fotze ballte und wieder öffnete, und dann riss sie vor Entsetzen den Mund auf und fing an, gellend zu schreien, bis der Junge seinen Schwanz in ihren Mund versenkte, sie knebelte, und das Zirpen der Grillen untermalte die ganze Szene.“

Bret Easton Ellis „Imperial Bedrooms“

Historisch:

Er war DA weniger wie ein Mensch als wie ein Pferd, berichtete Wilke seinen Kameraden. Und auch seine Ausdauer ähnelte besagtem Huftier, denn nachdem er ein Glas Wodka getrunken hatte, kehrte er ins Bett zurück, wo die Baroness von Zumpe schlief, drehte sie um und begann sie erneut zu stoßen, erst ganz sanft, dann mit aller Gewalt, so dass die Baroness, mit dem Rücken zu ihm, sich den Handballen blutig biss, um nicht zu schreien ... Dann stand Entrescu auf, und sie sahen oder bildeten sich ein, dass an seinem von Samen und Scheidensekret glänzenden Penis Blutstropfen hingen, dann bat die Baroness von Zumpe um ein Glas Wodka, dann sahen sie Entrescu und Baroness von Zumpe stehend sich umarmen, beide wie abwesend ihr jeweiliges Wodkaglas in der Hand, dann sprach Entrescu ein Gedicht in seiner Sprache, das die Baroness nicht verstand, dessen Musikalität sie aber lobte, dann schloss Entrescu die Augen und tat, als lauschte er, lauschte Sphärenmusik, schlug die Augen auf, setzte sich an den Tisch und zog die Baroness auf seinen wieder aufgerichteten Schwanz (den berühmten Dreißigzentimeterschwanz, Stolz des rumänischen Heeres), und erneut begann das Schreien und Stöhnen und Weinen, und während die Baroness von Zumpe emporstieg, stimmte der rumänische General ein weiteres Gedicht an, ein Gedicht, das er mit dem Auf und Ab beider Arme begleitete (die Baroness hing an seinem Hals), ein Gedicht, das wieder keiner von ihnen verstand, bis auf das Wort Dracula, das sich alle vier Verse wiederholte...

Roberto Bolano „2666“

Kitschig:

Er tauchte in sie ein, überließ sich der Hitze, dem Geschmack und Wohlgeruch des Mädchens und spürte, dass er endlich wusste, wo sein Platz war in dieser Welt, durch die er sich so lange einsam und ziellos hatte treiben lassen. Doch Minuten später quoll er vorschnell wie ein Junge mit einem krampfenden Sprudeln über und schrie voller Enttäuschung auf, denn er hatte ihr keine Lust verschafft und wünschte sich doch nichts sehnlicher, als dass sie ihr Herz an ihn verlor.

Isabel Allende „Die Insel unter dem Meer“


Was soll das?

Warum ich mich hier in Aufzählungen und Zitaten ergehe, obwohl der Arbeitstitel Schreiben beim Sex oder Sex beim Schreiben lautete, ist schnell beantwortet. Es funktioniert einfach nicht. Nicht einmal, wenn man versucht sich gegenseitig schweinische Sachen zu schreiben.

Ich habe befragt und versucht.


Das Ergebnis
Befragte Personen: 87

Hast du schon einmal versucht, beim Sex etwas zu schreiben?
  • Ja 1
  • Nein 86
  • Eine Person hatte versucht eine Einkaufsliste zu schreiben, da die Zeit knapp war und sie Wert auf gute Organisation legte. Ihr Sexpartner war alles andere als begeistert und wollte die Bezahlung verweigern.

Würdest du das einmal ausprobieren wollen?
  • Ja 4
  • Nein 48
  • Nie wieder 1
  • Was bekomme ich dafür? 11
  • Mit wem denn? 7
  • Nur, wenn ich es mit dir testen darf 16

Und wenn ich dich bitte, es für eine Studie zu testen?
  • Na gut 13
  • 28 Testpersonen berichten einstimmig, dass es ihnen nicht möglich war, sich auf beide Aktivitäten gleichzeitig zu konzentrieren.
  • 23 haben sofort alle guten Vorsätze über Bord geworfen und sich ganz dem Sex hingegeben.
  • 3 haben versucht, sich auf das Schreiben zu konzentrieren, sind aber nach sehr kurzer Zeit gescheitert und haben sich dem Sex hingegeben.
  • 2 haben eisern durchgehalten, sind dabei allerdings am Sex gescheitert.
  • Es gab mehrere leichte Stichverletzungen durch Schreibwerkzeuge.
  • Eine Schnittverletzung durch unglückliches Streifen des Papiers.
  • Bei beinahe allen Abfärbungen von Tinte oder Filzstift an allen möglichen Körperstellen.
  • Jede Menge zerknittertes Papier.
  • Ein paar verständnislose Partner und (zum Glück) erheblich mehr belustigte.
  • Die Ausnahmen in der Befragung bilden eine Prostituierte, die sich vorstellen könnte, ein Buch wären ihrer Arbeit zu schreiben und so zum Doppelverdiener zu werden, und ein junger Mann, der immer wieder betonte: „Klar geht das. Das geht“, sich aber hartnäckig weigerte einen Beweis anzutreten.
  • In diversen Selbstversuchen habe ich niemals mehr als einen zittrigen Strich aufs Papier gebracht, da mein Wille offensichtlich alles andere als eisern ist.

Was jedoch beim Sex geht:
  • Witze erzählen, alkoholische Getränke konsumieren, nicht alkoholische ebenfalls, Joints bauen und rauchen und viel lachen.
  • Man kann auch staubsaugen, telefonieren und ein anspruchsloses Essen auf dem Herd vergessen.
  • Was gar nicht geht: Ü-Ei-Figuren zusammenbauen, streiten, kurz mal FB checken, die Partnerin mit der eigenen Mutter vergleichen, an Homebanking denken.

Da diese Studie zu wenig Teilnehmer aufweist, um tatsächlich aussagekräftig zu sein, bitte ich euch alle um ein Selbstexperiment, dessen Ergebnis ihr bitte detailliert und zur Auswertung an dieses Magazin sendet.

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Gastautorin: Frollein Raupenärger

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