Dienstag, 1. September 2015

Kolumne: „Wer hat Angst vorm bösen Amazon?!“

Ständig wird in der Öffentlichkeit über die bösen Geschäftsmethoden von Amazon geredet. Dass sie miese Geschäftsmethoden haben, den Einzelhandel besonders im Buchmarkt kaputt machen und ihren Mitarbeitern schlechte Arbeitsbedingungen bieten. Das ist alles richtig, aber auch nicht die ganze Geschichte.


Anfang der 2000-er Jahre haben bereits die großen Buchketten angefangen, den Literaturmarkt an sich zu reißen. Sie haben die viel geliebten kleinen Buchläden, auf die ich auch noch später kommen werde, verdrängt, und die Verlage unter Druck gesetzt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die zwei größten Buchketten, die ich aus rechtlichen Gründen hier nicht namentlich nennen werde, haben die Verlage dazu gezwungen dafür zu zahlen, dass ihre Bücher überhaupt in den Handel kommen – und natürlich auch besser platziert werden. Ich persönlich gehe auch davon aus, dass sie mit den Barsortimenten, das sind die Zulieferer der Buchläden, irgendwie zusammengearbeitet haben, um die kleinen Buchläden auszustechen. Zumindest deutet dies das Verhalten der Buchhandlung „Ocelot“* an, die einen dritten Weg unabhängig von den Barsortimenten und Amazon geht.
Jedenfalls haben sich dann logischerweise die großen Buchketten mit Werbung und Standortkämpfen bekriegt – in Kassel gab es zum Beispiel zeitweise eine doppelstöckige Filiale und eine einstöckige der einen Kette, und einen doppelstöckigen Laden der Konkurrenz. Also drei große Läden in einem Umkreis von zweihundert Metern.

In diese nationalen Grabenkämpfe zwischen Verlagen und Buchhandlungen brach natürlich Amazon wie eine Naturgewalt hinein – getreu dem Motto: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte!“ Dabei war Amazon schon seit Ende der Neunziger auf dem Buchmarkt vertreten und somit keine Sache, mit der man nicht rechnen konnte. Mit einer Mischung aus Arroganz und Vertrauen sich auf die soziale Marktwirtschaft, die Buchpreisbindung und die deutsche Stammkundschaft verlassen zu können, hatten die großen Buchladenketten die soziale und vor allem technologische Weiterentwicklung einfach ignoriert. Wie konnte man auch damit rechnen, dass die Leute in den Käffern eines Tages keinen Bock mehr haben, kilometerweit in die nächste Filiale zu fahren, um sich ein Buch zu kaufen, sondern das eines Tages bequem von zuhause aus machen würden? Die Durchsetzung des Internets im Alltag kam ja auch sehr überraschend ... Man hätte die Kohle für unsinnige Standorte und Werbekämpfe beispielsweise in einen gemeinsamen Onlineversand und/oder eine E-Book-Plattform stecken können – schon vor zehn bis fünfzehn Jahren. Die wirtschaftlichen Probleme des Bucheinzelhandels und der Verlage sind meiner Meinung nach hausgemacht und wären vermeidbar gewesen, wenn man nicht so arrogant, kleingeistig und selbstherrlich gewesen wären.

Ganz ehrlich: Ich habe kein Funken Mitleid für die großen Buchketten und Verlage. Jahrzehntelang haben einige wenige den Buchmarkt bestimmt, also was, wer und wie teuer auf dem Markt kommt. Wenn ich lese, dass Verlage schon auf Jahre hinaus ihr Verlagsprogramm planen und sich dann der Verleger von KiWi in einer Doku hinstellt und behauptet, dass allein die Verlage die Diversität des Literaturmarkts garantieren, bekomme ich das kalte Kotzen! Die Verlage und Buchhändler müssen in einem kapitalistischen System naturgemäß das Programm bringen, was die meisten Profite verspricht – da ist kein Platz für Diversität.
Und hier sehe ich die große Stärke von Amazon und das ist der Punkt, an dem ich dem Konzern wirklich dankbar bin: Durch seine Demokratisierung des Selfpublishermarkts im E-Book-Bereich hat er die wahre Diversität auf dem Buchmarkt geschaffen.
Selbstverständlich ist nicht alles lesenswert, was Selfpublisher rausbringen, aber das ist auch nicht alles aus dem Verlagsprogramm, was das moderne Antiquariat beweist. Im Gegensatz dazu tun die E-Book-Self-Publisher von Amazon niemandem weh – sie nehmen keinen Platz weg und schonen die Umwelt.
Literaturkritiker stärken den Verlagen den Rücken, dass nur diese die Qualität der Literatur gewährleisten können. Das sind eben jene Kritiker, die eine Helene Hegemann für ein fast komplett plagiiertes Buch über den grünen Klee gelobt haben.

Wie anfangs erwähnt, ist bei Amazon auch nicht alles im grünen Bereich. Auch wenn die Methoden nicht schlimmer als die der Buchhandelsketten sind, bleiben immer noch die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter als Kernkritikpunkt – hier ist wirklich Solidarität mit den Arbeitern gefragt, aber letztendlich ist es Aufgabe des Gesetzgebers hier Abhilfe zu schaffen. Kunden und Autoren können nur darauf aufmerksam machen.

Letztendlich muss man sich bei der Amazon-Frage vor Augen halten, dass wir in einem kapitalistischen System leben und dort die großen Fische die kleinen fressen – sonst können sie nicht wachsen und werden selbst gefressen. Also entweder lehnt man den Kapitalismus komplett ab oder arrangiert sich mit dem System und holt das Beste für sich daraus – und akzeptiert eben auch, dass manche gefressen werden. Und genau damit sind wir beim Thema „kleiner Buchladen“. Um ganz ehrlich zu sein: Ich finde, dass wir die kleinen unspezialisierten Buchläden nicht brauchen – höchstens in den oben genannten kleinen Käffern. Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, warum so viele diese Läden unterstützen wollen. Sie sind nicht mehr zeitgemäß und sind auch an ihrer Lage selbst schuld: Auch sie haben Entwicklungen verpasst und hätten sich zum Beispiel im Sinne einer Fachbuchhandlung verändern können, wie es einige getan haben und damit durchaus erfolgreich sind.

Für einen vitalen und vielfältigen Buchmarkt brauchen wir alle genannten Spieler: Amazon, Buchketten, Verlage und Fachbuchhandlungen. Selbstverständlich wäre auch eine alleinige Marktstellung von Amazon auf dem Buchmarkt ein Problem, da sie dann nicht mehr gezwungen wären, ihr demokratisches Self-Publisher-System beizubehalten, aber selbiges gilt für Verlage und Buchketten. Die Buchketten scheinen ihre Krise überwunden zu haben: das deutet die Überrundung des Tolino-Netzwerkes gegenüber Kindle auf dem E-Book-Markt und der Rückgang von non-books in den Filialen an.

Ich mache es so, dass ich E-Books bei Amazon und Bücher in Läden kaufe (wenn sie vorhanden bzw. lieferbar sind – ansonsten auch bei Amazon). Ich will nicht sagen, dass alles an Amazon super ist, aber das sind die anderen Spieler auf dem Markt auch nicht – was auch in unserem System gar nicht geht – aber ich will hier wirklich eine Lanze gegen das stupide Amazon-Bashing brechen.


*http://www.buchreport.de/nachrichten/handel/handel_nachricht/datum/2014/11/04/manche-kosten-nicht-hoch-genug-kalkuliert.htm

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Kommentare:

  1. Ich muss ganz ehrlich sagen, mir tun die kleinen Buchläden ein bisschen leid. Ich liebe kleine, gemütliche Buchhandlungen, auch wenn diese in Sachen Auswahl natürlich nicht mit den Ketten oder Amazon mithalten können. Aber ich mag kleine Läden generell.

    Dennoch muss ich zugeben, dass ich oft bei Amazon bestelle - und immerhin auch einen Kindle habe. Ich finde, man kommt an Amazon einfach nicht mehr wirklich vorbei und natürlich ist es praktischer, sich ein Buch direkt vor die Haustür liefern zu lassen, als es in einer Buchhandlung zu bestellen.

    Ich versuche daher, ein gewisses Mittelmaß zu finden. Wenn ich ein bestimmtes Buch im Kopf habe, bestelle ich es meist bei Amazon. Möchte ich aber einfach nach neuem Lesestoff stöbern, dann besuche ich meine örtliche Buchhandlung (die übrigens keiner Kette angehört).

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  2. Also ich muss ja zugeben, dass ich ziemlich faul geworden bin, seit man alles im Internet bestellen und nach Hause liefern lassen kann. Große Buchläden sind mir oft zu überfüllt und zu unübersichtlich, die kleinen sind zwar schön zum Stöbern und Bestaunen von Buchcovern, haben jedoch selten, wonach ich suche.

    Meistens lese ich englische Bücher und da ist Amazon einfach der bequemere Weg, zumal selbst die großen Buchläden in meiner Stadt eine eher bescheidene fremdsprachige Abteilung haben. Früher wäre ich dafür noch ins Geschäft gegangen und hätte das Buch dort bestellt und dann ein paar Tage später abgeholt, aber da ist der Weg über das Internet dann doch unkomplizierter.

    Außerdem bietet Amazon den Vorteil, dass ich beim Stöbern gleich die Rezensionen lesen kann. Danach entscheide ich häufig, ob ich einen Buch eine Chance gebe. Und man kann ins Buch reinlesen, ohne es aufschlagen zu müssen, was von Verkäufern auch nicht unbedingt immer gerne gesehen wird.

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    1. Ja, ich finde die Rezis besonders bei technischen Produkten gut, bei Büchern verlasse ich mich da gar nicht drauf.

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