Samstag, 1. August 2015

Kolumne: „Lass es Liebe sein“ - Über Love Interests

Dass es einen Love Interest in Romanen geben muss, scheint eine unumstößliche Tatsache zu sein, wenn man diverse Schreibratgeber fragt. Selbst in Filmen trifft man ihn eigentlich immer an – außer in Kriegsfilmen und Romanen, hier tritt dann Kameradschaft und Freundschaft statt Liebe auf den Plan. Aber warum soll denn möglichst immer ein Love Interest vorhanden sein? 


Sie sollen dem Leser bestimmte Hauptfiguren näher bringen, sie sympathischer machen und auch den Leser mehr in die Handlung hineinziehen, wenn die glückliche Liebe durch irgendwelche Unwägbarkeiten des Schicksals wie eine Alieninvasion oder einen vergessenen Jahrestag bedroht ist. Außerdem bieten sie eine emotionale Nebenhandlung und ist damit eine einfache Möglichkeit, seine Geschichte etwas komplexer zu machen. Natürlich bieten Love Interests auch gute Begründungen für die Handlungen der Charaktere. Besonders bei Filmen scheint es für mich auch eine Frage der Zielgruppenerweiterung zu sein.

Theoretisch sind das alles ganz schöne Gründe, aber mal Hand aufs Herz: Wem gehen sie nicht öfters mal ziemlich auf den Sack? - Mir zumindest sehr oft. Besonders dann, wenn sie aus heiterem Himmel in die bisher schöne, runde Geschichte einschlagen. Vor gut einem halben Jahr habe ich einen Roman - „Agent 6“ - gelesen. Die Handlung war gut ausgebaut, die Geschichte neigte sich schon ihrem Ende zu. Es gab auch bereits einen Love Interest in Form der verstorbenen Ehefrau der Hauptfigur in der Story. Die Liebesgeschichte der beiden erfuhr der Leser vom Kennenlernen des späteren Paares bis zum Tod der Frau. Jedenfalls ist die Hauptfigur zwanzig Jahre nach dem Tod seiner Frau ein abgefuckter, opiumsüchtiger KGB-Agent, der nach einer wilden Flucht mit einer jungen Politoffizieren plötzlich nichts anderes zu tun hat, als mit eben jener rumzumachen – ohne dass es vorher irgendwelche Hinweise gegeben hätte, dass er ein sexuelles oder emotionales Interesse an der Frau hat. Ich war kurz davor, das Buch abzubrechen. Es war für mich weniger die Sache, dass der alte Sack mit einer Frau rumgemacht hat, die seine Tochter hätte sein können, sondern dass es weder einen erzählerischen Grund noch Notwendigkeit dafür gegeben hatte. Besonders seltsam war es dann, dass der Love Interest wenig später in der Handlung auf unspektakuläre Art wieder beendet wurde.


Oft wirkt der Love Interest in Buch und Film so aufgesetzt und Fehl am Platz, dass ich wirklich das Gefühl hab, dass da irgendein Lektor hingegangen ist und gemeint hat: „Ja wir brauchen noch unbedingt eine Liebesgeschichte. Mir ist egal an welcher Stelle und ob das einen Sinn ergibt, aber es muss eine drin sein, weil das ist halt so und das hab ich mal in ganz schlauen Büchern und Ratgebern gelesen!“

Oft überlege ich mir am Anfang eines Romans oder Films, welche Personen dieses Mal für den Love Interest hinhalten müssen – und liege damit auch fast immer richtig. Es ist dabei nicht nur die Tatsache, dass fast immer ein Love Interest vorkommt, sondern dass er oft gleich strukturiert ist. Es sind so gut wie immer heterosexuelle Paare, die im Film auch beide natürlich ein top Aussehen haben, sind von Anfang an entweder ein scheinbar glückliches Paar oder zwei Fremde, die sich natürlich zunächst überhaupt gar nicht und auf gar keinen Fall leiden können.

Warum verliebt sich die männliche Hauptfigur nicht mal in seinen männlichen Sidekick als in die wildfremde Frau? Oder wie wäre es mit einer Liebe auf den ersten Blick, die daran scheitert, dass einer von beiden total schlecht im Bett ist? Sowas würde ich mir gern angucken und nicht den 0815-Liebesscheiß. Ich habe auch schon von einem Fall gehört, wo ein Verlag eine Ausschreibung für einen Romanvertrag gemacht hat. Die Gewinnergeschichte hatte ursprünglich keinen Love Interest und das Lektorat hat den Autor wohl gezwungen einen einzubauen und das Buch ist total gefloppt – ob es nur an dem Love Interest gelegen hat, ist fraglich, aber zumindest hat es auch nichts gebracht.


Daher lese ich wohl auch gerne Kurzgeschichten und Romane aus den Warhammer-Universen. Hier gibt es zwar auch mal ab und zu einen Love Interest, aber eher nebenbei. Ich behaupte daher, dass man gute und erfolgreiche Romane auch ganz ohne Love Interest machen kann, wenn die Handlung ansonsten auch gut ist. Es gibt sicherlich auch andere gute Motivationsgründe für eine Figur: Hass, Neid, Ehrgeiz, Freundschaft etc.


Mich würde eure Meinung zu Thema sehr interessieren!

Aufgabe: Schreibt eine Geschichte ohne Love Interest.

Kommentare:

  1. Hi Ben!

    Toller Artikel, besonders deine Ideen für "gescheiterte" Love Interests finde ich super. Damit würde die Geschichte aber dann wahrscheinlich in die Kategorie Humor gehören oder trotzdem floppen, weil die meisten Leser ein Happy End suchen.

    Ich glaube, nicht jede Geschichte braucht ein Love Interest, aber viele - die eigentlich nicht unbedingt in das Beuteschema der weiblichen Leserschaft gehören würden - haben dadurch einen größeren Reiz. Das hat wahrscheinlich wirklich sehr viel mit dem Publikum zu tun, welches ein Verlag ansprechen möchte und deshalb finde ich es schade, wenn in solchen Geschichten, wie du oben beschrieben hast, eine Love Interest eingeflochten - oder sollte ich eher sagen eingepfercht - wird, obwohl das nicht einmal zum Publikum passt.

    Ich für meinen Teil habe festgestellt, dass ich lieber Geschichten mit Love Interest lese - Mädchen halt. ;) Aber in den Büchern, die ich lese, ist das Love Interest dann meistens nicht nur ein winziger Sidekick und deswegen schon stark in den Plot eingeflochten.

    Aber klar, wieso würde nicht einfach auch mal eine dicke Freundschaft ausreichen?

    Ich glaube, das ist auch so ein Ding, was gerade weiblichen Autoren irre schwer fällt. Bei meinem ersten NaNovel hat sich ein bester Freund in die Geschichte gedrängt, der plötzlich auch ein Love Interest geworden ist - tadaa, perfekte Dreiecksbeziehung. Ich würde echt gerne mal eine Geschichte über Freundschaft lesen, die mir genauso sehr in Erinnerung bleibt, wie eine Geschichte über Liebe. Und ich würde auch echt gerne mal eine gute Freundschaft schreiben... :D

    So, jetzt muss ich aber mal weitermachen, damit ich die Prota und ihr Love Interest endlich für die Bachelorarbeit analysieren kann.

    Ganz liebe Grüße <3
    Kim

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    1. Na dann weißt du doch, was du als Nächstes in deinem Blogroman anders machen kannst :D

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