Samstag, 11. Juli 2015

Vom Tagebuch zum Schriftsteller - Wie Journaling beim Schreiben hilft

Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich mich oft gefragt: Wieso steht bei vielen Schriftstellern immer, dass sie ein Tagebuch geführt haben? Und wieso ist es so besonders? Tagebuch schreiben war für mich bis dahin immer eher das Protokollieren des Tages. Wenn ich heute Menschen sehe, die im Zug, am Bahnhof oder einfach im Café sitzen und in ihre Notizhefte schreiben oder zeichnen, denke ich das nicht mehr. Viel mehr scheinen mir diese Menschen völlig auf ihren kreativen Prozess konzentriert zu sein.
Mittlerweile bin ich deswegen auch selbst eine große Befürworterin des „Writers' Journal” - was eine Mischung aus dem klassischen Tagebuch und einer Art „Übung” für den eigentlichen Schreibprozess ist.

Um es vorweg zu nehmen: es geht nicht darum, dass jeden Tag notiert wird, wo ihr wann gewesen seid oder was ihr gegessen habt (wenn es geschmeckt hat, schreibt es ruhig – auch Essen kann in einem Roman wichtig werden.)

Meine Lieblingsdefinition ist aus dem Buch „The face of creation” von David Wiley:
”Vade Mecum means ”Go with me” and was the term used to describe an all-purpose ready reference carried by students and other in the days when Latin was the language of learning. The modern version of such a book, which we would probably call a journal, might contain quotations, titles, names and addresses, travel descriptions, thoughts. Dreams, ideas, poems, letters, unusual words, drawings, information that might or might not be useful. If such a journal is kept long enough it becomes an autobiographical document of sorts, a record of what the writer was doing and thinking at various times, and it may accordingly be used as a mnemonic device, even to the extent of dredging up elusive sensations and experiences not mentioned in the book.”


David Wiley: The Face of Creation, Paper Plant. 

Ich hatte beim lesen dieser Zeilen selbst das Gefühl, damit besser zu schreiben, wenn ich mein persönliches „vade mecum” führe. Und es geht ja nicht alleine um das Schreiben an sich - das geht auch an der Tastatur - sondern auch um das Ritual, einen Stift in der Hand zu halten und zu schreiben.

 

10 Gründe dafür, ein „Writers' Journal” zu führen


  1. Konzentration: Auf uns prasselt tagtäglich eine Flut an Informationen ein, genauso wie wir unser Leben mit Freunde und Familie gestalten. Ein Lebensstil der darauf basiert, dass wir uns viele Informationen merken müssen, verarbeitet oder unverarbeitet, so dass einem mehr wie einmal der Schädel schwirrt. Ein Journal lässt innehalten, die Gedanken sortieren und zur Ruhe kommen.
  2. Disziplin und Geduld lernen: So schrecklich es sich anhört, wir sind alle Gewohnheitstiere und manchmal auch sehr faul. Um produktiv zu sein, braucht man auch ein gewisses Schema. Und es funktioniert gut, wenn man sich mit seinem Journal hinsetzt und schreibt. Auch wenn die Story in einem brennt und man am liebsten lostippen will – man muss auch lernen, geduldig mit sich selbst zu sein und zu sortieren. Lose Szenen, Gedankenspiele, dass alles sollte man erst einmal sammeln, formulieren, um es im fertigen Roman verarbeiten zu können.
  3. Organisieren: Bei dem Schreiben und bei der Recherche – eine Menge Informationen müssen verarbeitet und sortiert werden. Genauso wie Eindrücke, Assoziierungen, Beobachtungen und Ideen, die wir einbringen wollen. Wenn ihr gerne mit anderen über euer aktuelles Schreiben sprecht und sie euch neue Impulse geben, ist das auch ein guter Grund, es aufzuschreiben und darauf zurückzugreifen. Man vergisst doch schnell mal etwas, besonders, wenn die Diskussion sehr ausführlich wird.
  4. Die Gedanken artikulieren: Auch wenn wir es oft nicht hören wollen – Schreiben muss man lernen. Wie forme ich den Satz, welche Worte benutze ich? Wie ordne ich meine Gedanken und formuliere sie aus? Journals lassen sich beliebig einsetzen genauso, wie wir tagtäglich mit unserem Umfeld reden. Schreiben kann ein Fundament zur Satzgestaltung bilden, auch wenn man mal an einem Abschnitt festhängt: Schreibt ihn auf ein extra Blatt oder Worddokument und beginnt ihn zu analysieren und auseinanderzunehmen. Manchmal hapert es auch nur an kleinen Wortumstellungen.
  5. Kommunikation: Man darf nicht unterschätzen, dass man seine Gedanken nicht nur schreiben, sondern sie auch in einer Unterhaltung ordnen und vermitteln muss.
  6. Jeden noch so flüchtigen Gedanken festhalten: Wie oft haben wir das? Eine gute Idee, aber nicht festgehalten. Buch auf, reinschreiben. Ein seltsamer Traum oder ein Traum, der nicht loslässt aber keinen Sinn macht: aufschreiben. Und nein, auch dieses: ”Kann ich mir merken” nutzt manchmal nichts. Denn auch unser Gedächtnis spielt uns gerne mal einen Streich und verändert sich.
  7. Spiel mit der Sprache: Sprache, geschrieben oder gesprochen, kann wunderbar sein – auch in einem Journal kann man beginnen, mit Worten zu spielen und den „perfekten” Satzbau zu üben.
  8. Schreiben achtsamer betrachten: Je mehr man das Schreiben und Sprechen „übt”, umso aufmerksamer wird man gegenüber dem Schreibstil und den Formulierungsweisen anderer Autoren.
  9. Übung für die Weiterentwicklung: Egal in welchem Bereich – man übt ständig, man beobachtet und versucht zu verbessern. Schreiben ist nichts, was man leicht lernt und auch der Stil bleibt nicht ewig gleich. Genauso wie ein Journal nicht immer gleich bleibt, es ändert sich genauso wie man selbst, ein Prozess dauert auch nicht einfach nur 4 Wochen oder 3 Monate. Journaling ist ein Prozess der Veränderung (genau wie die eigene Persönlichkeit) und dieser dauert nicht nur 4 Wochen oder 3 Monaten, sondern ein Leben lang.
  10. Verbindungen bauen: Es ist jedes Mal eine Herkulesaufgabe für mich, ein Gesamtkonzept zu bauen, eine ganzheitliche harmonische Verbindung: Von der Raumbeschreibung, der Musik bis hin zur Figur – alles das in ein harmonisches Ganzes zu verwandeln. Verbindungen (egal wie flüchtig oder seltsam, aufzuschreiben und sie sich zu visualisieren) ist unglaublich hilfreich.


Es gibt noch gefühlt Milliarden andere Gründe, aber der wohl allerwichtigste Grund ist: Man muss sich damit wohlfühlen. Eine bestimmte Form der Freude, Gedanken und Eindrücke festzuhalten. Ein wichtiger Punkt ist, dass das Schreiben trainiert wird und es nicht immer eine „Übung“ ist. Ein Journal ist euer ganz persönliches „Abenteuer“. 

Wenn jetzt einige von Euch sich das erste mal damit auseinandersetzen, habe ich hier noch ein paar Ideen: 

Schnappt euch ein Blankobuch. Wichtig: Fühlt euch wohl damit. Ein Heft, ein Block, ein Notizbuch, lose Blätter für einen Organizer oder für einen Ordner – völlig egal. Greift euch einen Stift, mit dem ihr gerne schreibt. Ich persönlich schreibe am liebsten mit meinem Lamy mit schwarzer Tinte und bevorzuge DIN A5, damit es in meine Tasche passt. 

Macht euer „Journal“ persönlich, und schreibt nicht einfach nur stumpf hinein. Einfach auflisten kann man zwar auch, aber denkt dran: je mehr einem etwas gefällt, nimmt man es zur Hand, klebt Bilder rein, malt, kritzelt. Ihr dürft bloß nicht denken „Das ist zu kindisch/blöd/peinlich.“. Gestaltet euer „Cover“, wie ihr es haben wollt. Genauso wie die Seiten, aber denkt nicht, dass es nicht „nicht so toll, wie das von XYZ“ ist. 

Und geht es los mit „Wie fange ich an?“. Hier ein paar Ideen, um die ersten Seiten zu füllen und in das „Journaling“ hineinzufinden:
  • 10 Dinge, die dich glücklich machen
  • Dein „Lieblingsplatz“
  • Etwas, was jemand zu dir gesagt hat, was du nie vergessen wirst
  • Wer inspiriert dich?
  • 10 Lieder, die du momentan gerne hörst und warum
  • Was macht dir Angst?
  • „Was wäre wenn...“- Gedanken
  • Ein Traum, an den du dich deutlich erinnerst (Es können auch mehrere sein)
  • 3 „Promis“, die du magst und wieso
  • Ein Brief (egal an wen und egal welches Thema)
  • Such dir ein Wort und mache dazu eine Collage
  • 5 Orte, die du einmal besuchen willst
  • Wie fühlst du dich, wenn du alleine bist?
  • Deine Meinung zu einem Thema, dass dich momentan beschäftigt
  • Nimm dir ein Bild (Person/Lieblingsgemälde) und beschreibe es
  • Dein Lieblingsgedicht/Zitat
  • Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen und wieso?
  • Dein/-e „guilty pleasure“
  • Was ist ein Autor/ eine Autorin?
  • Werde ich schreiben?
  • Was soll ich schreiben?


Ich wünsche euch viel Spaß und Erfolg.

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