Montag, 1. Juni 2015

[Kolumne] Autorencommunities: Fluch oder Segen?

Neulich fragte mal jemand in einer Gruppe: „Wie haben Autoren eigentlich geschrieben, bevor es das Internet gab?“ Der Fragensteller spielte natürlich auf das Thema Recherche an, aber die erste Antwort „effizienter“ machte gleich den „Frame“ zu einem ganz anderen Problem auf: Inwiefern lenkt das Internet vom Schreiben ab? Ich rede in diesem Zusammenhang nicht von Katzenvideos, sondern von Autorencommunities bzw. Gruppen in sozialen Netzwerken, die den Mitgliedern eigentlich das Schreiben erleichtern sollen.



Fangen wir wohl mit dem seltsamsten Phänomen in der Künstlerszene an: Werbegruppen.
Es gibt Werbegruppen für Jedermann und -frau oder auch nur für Autoren. Man muss sich das Prinzip mal klar machen: Da kommen Leute zusammen, die nur ein Produkt verkaufen wollen und erwarten dann, dass die anderen, die auch nur gekommen sind, um ihr Produkt zu verkaufen, ihr Produkt jeweils kaufen. Das wäre so, als ob sich verschiedene Händler – im Falle einer Autorengruppe z.B. nur eine Berufsgruppe, was noch wesentlich schlimmer ist – zum Verkauf treffen, aber nur selbst anwesend wären. Warum sollten sich auch reine Kunden dorthin verirren? Kennt ihr jemanden, der sagt: „Boah ich hab jetzt Bock auf Werbung gucken!“ - Ich nicht.

Ähnlich sinnbefreit sind für mich Like-und Relikegruppen. Ziel ist es die eigene Künstlerseite mit „Gefällt-mir-Angaben“ zu pushen, die komplett leer sind. Man hat dann eine Seite mit hunderten Likes, auf die dann trotzdem kein Mensch reagiert. Glückwunsch! Im besten Fall wird man dann von irgendwelchen rechtsradikalen Spacken und/oder Leuten, die keinen graden Satz rausbringen, gelikt und darf dann auch deren Seiten für „gut“ befinden. Naja, „ist der Ruf erst ruiniert“... und so.

Das sind aber nur die beiden „Extremfälle“. Die meisten Autorengruppen- und Communities sind durchaus an sich sinnvoll, wenn man sie vernünftig benutzt. In so einer Gruppe oder Community kann man Gleichgesinnte kennenlernen, sich austauschen, Kontakte knüpfen, sich helfen und motivieren usw. Die Vorteile liegen auf der Hand. Aber viele nutzen diese Gruppen dann doch eher zur Selbstdarstellung, um Mitleid zu erhaschen oder sich einfach die Zeit zu vertreiben. Gerne auch alles zusammen oder in Kombination. Ich selbst bin in einigen Communities Mitglied und auch mit administrativem Aufgaben betraut und kann immer nur wieder über Leute staunen, die in epischer Breite und über Stunden hinweg sich mit anderen austauschen und gegenseitig bedauern, warum sie gerade jetzt keine Zeit zum Schreiben haben. Ebenso gern habe ich mittlerweile kleine Mädchen, die in masochistischer Weise jeden Tag nach „Arschtritten“ verlangen.

Es ist ok, wenn man das mal ab und zu braucht. Ich kann verstehen, dass man mal schlechte Tage hat und man dann sich in der Gruppe besser motivieren kann. Aber ganz ehrlich, wenn man das jeden Tag braucht und gar nicht mehr anders schreiben kann und will, dann hat man vielleicht ein wenig seine Berufung verfehlt. Einige Gruppen haben wirklich meine Timeline komplett mit solchen Beiträgen zugespamt. In meinen Anfangszeiten habe ich noch tatsächlich versucht Leuten zu helfen, die „Schreibblockaden“ o.Ä. hatten, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es den Leuten in vielen Fällen einfach nur um Aufmerksamkeit und Mitleid geht. Lasst euch von solchen Leuten nicht eure Schreibzeit rauben.

Ebenso wenig von Leuten, die irgendwelche Recherchefragen stellen, die man innerhalb einer Minute leicht googeln kann. Ich habe auch mal solchen Leuten versucht zu helfen und damit viel Zeit verschwendet. Mit einer Dame hatte ich dann auch mal näheren Kontakt und als wir uns dann zerstritten hatten, warf sie mir vor, dass ich auch nichts wüsste und nur googeln könnte. True Story.
Ich will damit nicht sagen, dass man sich nicht gegenseitig helfen sollte, bei hochkomplexen Themen braucht man Expertenwissen – nur ist die Frage, ob man da nicht gleich zu den Experten gehen sollte – aber jeder sollte in der Lage sein, amerikanische Erzvorkommen und Namensgeneratoren selbst zu googeln.

Vielleicht fragt sich jetzt manch einer, wie man denn nun z.B. für sein Buch werben und Likes sammeln kann. Man kann sich natürlich in solchen Gruppen einbringen und so Freunde sammeln und die dann als Werbe- und Likepartner gewinnen. Habe ich selbst gemacht, läuft einigermaßen gut. Aber am ehesten kann ich euch einfach harte, ehrliche Schreibarbeit und Werbearbeit empfehlen. Wenn ihr gute Blogartikel schreibt oder Kurzgeschichten in Anthologien unterbringt, werden schon Leute auf euch aufmerksam werden. Außerdem gibt es da draußen auch jede Menge Buchblogger, die für ein Reziexemplar gerne Werbung für euch machen. Das sind nur Beispiele. Macht euch wirklich Gedanken darüber, wie ihr für eure Arbeit werben wollt, sonst seid ihr am Schluss selbst die Nervensägen.

Was soll man daraus jetzt für ein Fazit schließen? Autorengruppen und Communities können einem wirklich helfen, sie können aber echte Zeitfresser sein und man ist schnell dazu verleitet den vielen „armen“ Seelen in den Gruppen zu helfen, geht man aber einen Schritt zurück, merkt man, dass es eigentlich oft nur Nervensägen sind, die zu faul und bequem sind, selbst zu arbeiten. Setzt euch feste Zeiten, wie lange und oft ihr in sozialen Netzwerken rumhängen wollt und habt auch den Mut auszusortieren. Ruft euch immer ins Gedächtnis, wobei wir jetzt auch einen perfekte Regress zum Anfang haben (hehe): Früher gab es auch keine Autorencommunities und die Leute haben trotzdem Romane zu Ende bekommen.

Writing Prompt: „Früher ging es auch ohne.“

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